Ausgesessen: Die Kultur des Nicht-Entscheidens

Hand aufs Herz: Wer hat noch nie eine wichtige Entscheidung vor sich her geschoben? Wir alle tun es. Nicht nur im Privat- oder Arbeitsleben. Damit sind wir nicht allein. In Politik, Wirtschaft und Verwaltung, überall wir ausgesessen statt behoben. Und meist wird die Situation dadurch nur noch schlimmer. Roland Jäger liefert mit seinem Buch „Ausgesessen“ sehr anschauliche Beispiele. Beispiele, die uns allen irgendwie vertraut sind.

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Cover: Orell Füssli Verlag

Ich kenne ihn seit zirka 35 Jahren. Und wie das so üblich ist, wenn man sich kennen lernt, fragte ich auch nach seinem Beruf. Und leitete damit einen Monolog ein. Unzufrieden sei er. Seine Chefs, wie alle Unternehmer eben, seien Halsabschneider, die den kleinen Mann – also ihn – nur ausbeuten wollen.

Und dann der Schichtdienst. Eine Zumutung. Dabei hätte er ja etwas viel besseres verdient. Und auch bekommen, hätte er vor einigen Jahren den schweren Motorradunfall nicht gehabt. Ich könne mir ja nicht vorstellen, was das alles bedeutet. Ob ich denn überhaupt wisse, wie gut ich es habe, jetzt, kurz vor meinem Abitur. Ich hätte die Wahl zu tun, worauf ich Lust habe. Nicht wie er. Im System gefangen.

Er tat mir leid. Es musste wirklich bitter sein, wenn man eine aussichtsreiche Weiterbildung begonnen hat und dann wegen es Unfalles herausgerissen wird. Vermutlich hatte er Recht: Ich wusste gar nicht, wie gut ich es habe, frei entscheiden zu können. Ich widersprach also nicht.

Der Glückspilz und das Opfer

Einige Jahre später. Während meiner Ausbildung, die mich weder gefordert noch erfüllt hatte, fiel die Entscheidung für ein Studium. Ein Umzug stand an. Wir kamen wieder ins Gespräch bezüglich Beruf, Erfüllung, Zufriedenheit. Und wieder kam der gleiche Dialog. Unzufrieden sei er. Seine Chefs, wie alle Unternehmer eben, seien Halsabschneider, die den kleinen Mann – also ihn – nur ausbeuten wollen. Und dann der Schichtdienst. Eine Zumutung. Dabei hätte er ja etwas viel besseres verdient.

Dieses Mal fragte ich, weshalb er das nicht ändern würde. Als Antwort kamen Tausend Ausflüchte. Gute Bezahlung, wo sonst würde er so viel verdienen. Die anderen Halsabschneider seien ja auch nicht besser. Verantwortung für die Frau – er hatte zwischenzeitlich geheiratet – übernehmen, die allerdings zu dem Zeitpunkt selbst noch berufstätig war. Und überhaupt, was hatte ich es gut im Vergleich zu ihm.

Wir haben dieses Gespräch alle paar Jahre wieder geführt. Immer dann, wenn ich mich wieder neu ausgerichtet habe, weil ich mit dem was ich hatte, nicht mehr glücklich war. Und immer verlief das Gespräch gleich. Er das arme Opfer, das unter den Ausbeutern leiden. Das wegen seiner Frau, seiner Kinder, seiner Gesundheit oder wegen was auch immer gerade nichts unternehmen kann, um für sich eine Veränderung herbei zu führen. Ich diejenige, die es gut hat. Die, die unabhängig ist und Glück hat, immer gleich was Neues zu finden. Soviel Glück möchte er auch mal haben.

An seinem Glück muss man arbeiten

Irgendwann hatte ich die Nase voll. Etwas Neues finden könne man nur, wenn man auch danach suche, entgegnete ich. Und dass das nicht das geringste mit Glück zu tun habe, aber sehr wohl etwas damit, aktiv geworden und auf die Suche gegangen zu sein, statt über Jahrzehnte in der Opferhaltung zu verharren und mich selbst zu bedauern. 

Er war beleidigt. Ich könne mir da überhaupt keine Meinung erlauben. Dazu hätte ich viel zu wenig Ahnung von seinem Leben.

Bei künftigen Treffen sind wir uns aus dem Weg gegangen.

Heute, mit 61, ist er immer noch unzufrieden mit seinem Job. Und es ist immer noch der gleiche Job im gleichen Unternehmen bei den gleichen Halsabschneidern wie vor 35 Jahren. Seit einigen Jahren „arbeitet“ er an der Frührente. Erfolglos. Mit etwas Pech muss er die restlichen drei bis vier Jahre auch noch aussitzen. So wie er sein ganzes Leben ausgesessen hat. Was er dann macht? Vermutlich den Rest seines Lebens aussitzen.

Roland Jäger: Ausgesessen

Warum ich diese Geschichte so ausführlich erzähle? Weil man kaum besser verdeutlichen kann, was Roland Jäger in seinem Buch „Ausgesessen“ beschreibt. Indem wir uns vor der Verantwortung der Entscheidung beziehungsweise der Veränderung drücken, entfernen wir uns Stück für Stück von unserem Traum von einem erfüllten Leben.

Und das trifft längst nicht nur auf uns als Privatperson zu. Egal ob Wirtschaft, Politik oder Verwaltung, überall wird ausgesessen, werden Entscheidungen aufgeschoben. Mit verheerenden Folgen: Überschuldete Haushalte, übersubventionierte Unternehmen, reformunfähige Institutionen. Stagnation statt Initiative.

Vor der Wahl ist nach der Wahl

Als Beispiel zieht Roland Jäger das Rentensystem in Deutschland heran. Alle Fachleute – und längst nicht mehr nur die – sind sich einig, dass unser Rentensystem auf Dauer nicht funktionieren kann. Auch den Politikern ist das klar. Sie haben nur ein klitzekleines Problem. Die Wahlen! Alle möglichen Lösungen verlangen mehr Eigenverantwortung bei den zukünftigen Rentenbeziehern und deutliche Einschnitte bei den jetzigen Rentnern. Das bedeutet: Alle Maßnahmen, die ergriffen werden müssten, sind unpopulär. Daraus lässt sich kein motivierendes Wahlversprechen machen. Erst recht nicht vor dem Hintergrund, dass bereits heute jeder vierte Wahlberechtigte Rentner ist.

Wir alle kennen die Beispiele, die Roland Jäger beleuchtet, mehr oder weniger gut. Und fast alle von uns haben über das ein oder andere davon schon einmal lamentiert oder Stammtischweisheiten ausgetauscht. Jammern ist ja auch in Ordnung. Zumindest in Maßen. Aber irgendwann muss man eben Entscheidungen fällen und auch dafür einstehen. Im Privatleben ebenso wie in der Politik.

Die Zahl der Unzufriedenen im Land steigt und parallel steigt die Zahl der Nicht-Wähler. Mit dem Argument, nicht zur Wahlurne zu gehen tut man sich leicht. „Die taugen ja alle nichts.“ „Da ist eine Partei so schlecht wie die andere.“ „Das bringt sowieso nichts.“ Das ist einfach, aber dann darf man im Grunde auch nicht jammern, denn man nutzt ja nicht die Chancen, Einfluss zu nehmen, Veränderungen herbei zu führen.

Glück ist keine Glückssache

Diese Chance lautet, selbst politisch aktiv zu werden. Das Motiv politisch engagierter Bürger ist dabei nicht die persönliche Betroffenheit sondern die übergreifende Überzeugung von der Notwendigkeit, politische Verantwortung zu übernehmen, wenn man mit der Situation, in der man lebt, unzufrieden ist. Das bedeutet auch, denen, mit denen man unzufrieden ist, nicht kampflos das Feld zu überlassen.

Angeblich sind 60 Prozent der deutschen Bevölkerung bereit, sich in Form von Bürgerbegehren, Diskussionforen und Anhörungen aktiv in den Entscheidungsprozess einzubringen. Politiker, die sich darauf einlassen, müssten also mit reger Zustimmung bei ihren Entscheidungen und auch bei Wahlen rechnen können.

Warum wird es also nicht gemacht? Will man die Meinung der Bürger nicht in politische Planungen einbeziehen? Hat man Angst, dass die Bevölkerung merkt, welche Macht sie hat, wenn sie erst wirklich aktiv und rechtzeitig ihre Interessen vertritt? Und wenn das so ist, sollte nicht genau das der Motivator für den Beginn sein?

„Nur wer Veränderungen immer wieder von sich aus anstößt, hat die Chance auf ein besseres Leben.“

Wichtige Denkanstöße, stellenweise sehr plakativ

Ich hätte nicht gedacht, dass ich „Ausgesessen“ von Roland Jäger anfange und nur im Notfall aus der Hand lege. Auch wenn ich manche Ansätze etwas überreizt und plakativ finde, beschreibt „Ausgesessen“ tatsächlich gut eine Strömung unserer Gesellschaft, der ich immer häufiger begegne. Den Fatalismus, der die Menschen davon abhält, Situationen aktiv anzugehen und für sich selbst damit zu verbessern. Weil man nicht glaubt, dass „sich etwas verändert“, wird es gar nicht erst versucht. Gerade bei der jüngeren Generation stelle ich auch zunehmend eine neue Obrigkeitshörigkeit fest. Das Bewusstsein, selbst reagieren und die für sich beste Handlung ableiten zu können, scheint irgendwo verloren gegangen zu sein.

Insofern finde ich „Ausgesessen“ als hervorragenden Denkanstoß für mehr Selbstverantwortung und Initiative.

Danke an die Karrierebibel, die das Buch verlost hat. Ich wäre sonst vermutlich nie darüber gestolpert.

Über Roland Jäger

Roland Jäger ist Unternehmensberater, Trainer und Coach. Nach Berufsjahren im Banken- und Finanzwesen arbeitete er im Management einer renommierten Privatbank und in einem bedeutenden Beratungsunternehmen. Seit 2002 ist er Inhaber der rj management in Wiesbaden. In seiner Beratertätigkeit engagiert er sich vor allem als Coach für Vorstände, Geschäftsführer und Führungskräfte. Er ist Autor mehrerer Management-Sachbücher. Bei Orell Füssli bereits erschienen: „Ausgekuschelt“ , gebunden, 200 Seiten, 2010, 5. Auflage.

Buchinfo
Ausgesessen von Roland Jäger, erschienen bei Orell Füssli, April 2013, 206 seiten, gebunden, ISBN 978-3-280-05486-4, € 21,95

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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