Fremdschämen oder so rassistisch ist die Generation Vorurteil

Wehe wenn sie losgelassen. Dieser Satz passt sehr gut auf eine Horde angetrunkener Senioren, die vor einigen Tagen erschreckend selbstgerecht und fremdenfeindlich über zwei junge, schwarze Mitreisende herzogen und dabei kein Klischee ausließen. Da war Fremdschämen Programm.

Rassismus, Fremdenhass, Vorurteil, Nachkriegsgeneration, Flüchtling, Verfolgung, Fremdschämen

Fellbach. Sechs gepflegte Seniorinnen und Senioren – ich schätze, zwischen Ende 60 und Mitte 70 – entern den Wagen. Zwei Frauen stürmen gleich nach vorne durch. Eine setzt sich neben mich, eine zweite ihr gegenüber. Einer der beiden Männer setzt sich auf die andere Gangseite. Ihm gegenüber saßen bereits zwei schwarze Mitreisende, die bereits vorher im Wagen waren. Der zweite Mann blieb stehen, deutete mit dem Kinn auf die beiden Männer, die sich miteinander unterhielten und schüttelte den Kopf. Der Platz neben seinem „Kumpel“ blieb also leer.

Mittlerweile hat sich auf meiner Seite eine sehr deutliche Alkoholfahne breit. Den Hauptanteil daran hat die Frau mir gegenüber.

Dunkle Hautfarbe, Handy, Uhr und Turnschuhe = Schmarotzer?

Ein Handy klingelt. Es gehört einem der beiden schwarzen Reisenden. In einer Sprache, die ich nicht verstehe, unterhält er sich. Wie viele andere in der Bahn auch.

Ein Startsignal für die Rentnertruppe. Die Frau neben mir schaut den Mann aus ihrer Gruppe an, der Platz genommen hat. Mit dem Kinn weist sie auf den telefonierenden Mitfahrer und murmelt recht leise: „Handy, Swatch, Nike-Schuhe“, zieht die Augenbrauen hoch und schüttelt den Kopf. Ihr Ansprechpartner versteht nicht. Sie etwas lauter: „Handy, Swatch, Nike-Schuhe“ und weist mit dem Kinn sehr deutlich auf den jungen Mann. Ihr „Gesprächspartner“ schaut betreten weg.

Mutiger geworden, weil „wer nicht nicht Deutsch telefoniert, versteht ja auch kein Deutsch“, wird stichelt sie weiter. „Ich frage mich, wie das alles geht. Nur Markensachen und wer die wohl bezahlt.“ Die nächste fällt ein: „Wer weiß, was die hier für „Geschäftle“ machen. Kennt man doch. Solchen kannst Du nicht trauen.“ Mir schwillt langsam der Kamm. Auch wegen der Alkoholfahne abends um 18:00 Uhr. Zum Glück – denke ich zumindest – erreichen wir in diesem Moment den Hauptbahnhof und die beiden jungen Männer steigen aus.

Vorurteile, Gehässigkeit, Ausländerhass = Deutsch?

Aber von wegen Glück. Jetzt ist die Gruppe völlig enthemmt. Wie der Staat sowas unterstützen könne. „Die“ kämen doch alle nur zum Abzocken. Würde man ja an den Markenartikeln sehen. Handy, Swatch – ich bezweifele übrigens, dass es eine war, nicht jede bunte Uhr ist eine Swatch – Nike-Schuhe. Der Senior aus der Gruppe, der es gewagt hat, sich „Denen“ gegenüber zu setzen, versucht abzuschwächen: „Ihr wisst doch überhaupt nicht, woher die Sachen sind. Vielleicht haben die jungen Männer ja genug Geld. Oder kommen aus wohlhabenden Familien.“ Das hätte er nicht tun sollen. Die „Schnapsdrossel“ mir gegenüber fällt in die Hetze ein: „Sei mir ruhig mit Familie. Die wollen doch alle nur ihre Familien nachholen und auf unsere Kosten leben. Das hat sogar der Pfarrer da in Hamburg gesagt, der sich um „solche“ kümmert. Der habe nämlich gesagt, was Deutschland da mache, sei völlig falsch. „Diese Leute“ würden ihren Familien erzählen, wie gut sie es hätten, dabei hätten sie in Wirklichkeit nichts außer Hartz IV, und ihre Familien ziehen dann nach in das tolle Deutschland, wo man alles geschenkt bekomme. Und deshalb würde sie das auch sagen dürfen, wenn der Pfarrer das sagt.

Der einzige Vernünftige in der Runde wagt einzuwenden: „Damit geht es ihnen aber vermutlich immer noch wesentlich besser, als dort, wo sie jetzt sind. Wer weiß, was die da alles erdulden müssen.“ „Ach was, das sind doch alles nur Wohlstandsschmarotzer. Dabei haben wir hier doch auch nichts. Das müsste man denen ganz klar so sagen“, ereifert sich die „Schapsdrossel“. Gefundenes Fressen für meine Sitznachbarin: „Genau! Wenn das sogar der Pfarrer sagt! Bei uns wirds immer weniger und die kaufen sich von unserem Geld Handys, Swatch und Nike!“ Der Mann, der lieber stehen blieb, mischt jetzt auch mit: „Wer weiß, ob die Sachen echt sind. Da wo die herkommen, wird doch alles gefälscht.“

Endlich! Wir sind am Feuersee und ich kann raus. Aber – zu früh gefreut. Die Meute verfolgt mich. Jetzt sind sie beim Thema Arbeit angekommen. „Schnapsdrossel“: „Kommen hier her und besetzen unsere paar Arbeitsplätze.“ „Kinnweiserin“: „Wenn die überhaupt arbeiten. Bekommen doch alles vom Staat geschenkt.“ „Schapsdrossel“: „Nehmen unseren Leuten die Arbeitsplätze weg. Wir haben doch selbst genug, die arbeiten wollen.“

Ganz tief rein in die Klischeekiste

Ich sehe mich um und mustere die Truppe mit sehr abschätzigem Blick. Überlege, ob ich doch noch was sagen soll. Der einzig Vernünftige in der Runde schaut betreten weg. Die anderen registrieren es nicht. Ich bleibe beim Fahrplan stehen und lasse sie vorbeiziehen. Hinter mir ertrage ich dieses Volk nicht mehr. Und ich fühle mich richtig ohnmächtig. Wie muss man sich als Mensch in Deutschland fühlen, wenn man in irgendeiner Weise aus der Masse heraus sticht und an solche Hyänen gerät. Denen kam doch nicht eine einzige Sekunde die Idee, dass die beiden jungen Männer von der Arbeit gekommen sein könnten. Ja offensichtlich noch mal, dass Sie Deutsch können. Nein, gleich voll in die Klischeekiste gegriffen.

Und ich? Warum habe ich nichts gesagt? War es mein anerzogener Respekt vor älteren Menschen? Glaube ich weniger. Der war schon immer sehr selektiv. Wer ihn nicht verdient hatte, der konnte so alt wie Methusalem sein und es hat mich nicht gejuckt.

So lange die beiden jungen Männer noch in der Bahn waren, habe ich mir eine Bemerkung definitiv verkniffen, weil ich die Situation für sie nicht noch peinlicher machen wollte. Aber danach? Was hat mich da abgehalten? Ein Punkt war sicher: Soll ich mich wirklich mit besoffenen alten Frauen anlegen? Aber reicht das aus? Ich hätte mir von mir weniger Überlegen und mehr Handeln gewünscht. Egal, ob ich davon überzeugt bin oder nicht, dass sich in diesen Köpfen noch was bewegt. Gerade die müssten es doch besser wissen. Sie waren der Generation, die unter Verfolgung und Rassenhass litt, doch so viel näher als ich.

Offensichtlich nicht nahe genug.

Und zum Schluss, ich kann es mir eine kleine Unsachlichkeit nicht verkneifen: „Was fällt euch eigentlich ein, von meinem Geld am hellichten Nachmittag mitten in der Woche saufen zu gehen? Wer zahlt denn gerade eure Rente? ICH! Da gäbe es zig Menschen, die das Geld dringender gebrauchen könnten als ihr und die sich nicht damit volllaufen lassen würden!“

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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