Lücke im Lebenslauf? Gibt es nicht!

„Sie haben eine Lücke im Lebenslauf!?“ „Ja, war geil!“ Dieser Spruch geisterte kürzlich durch meine Timeline. Nach dem ersten Schmunzeln hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Wie definiert man eigentlich eine Lücke? Und wer maßt sich an, Zeiträume im Leben anderer Menschen als solche zu definieren? Dem Phänomen Lücke will ich auf den Grund gehen.

Lebenslauf, LückeMeine Bekannte hat eine LÜCKE von 19 Jahren. Zirka 60 Prozent davon ist männlich, die restlichen 40 % sind weiblich.

Der männliche Teil der Lücke schließt aktuell seinen Diplomstudiengang Chemie ab. Der weibliche Teil hat ihren Bachelor in Bioinformatik gemacht und feilt jetzt am Master.

Beide Teile sind sportlich interessiert und sozial engagiert.

Neben ihrer Tätigkeit als Erzieherin hat besagte Bekannte sich sich in ihrer LÜCKE eigeninitiativ außerdem in folgenden Bereichen umfangreiche Expertise erworben:

  • Finanzen (ok, hier konnte sie als ausgebildete Bankkauffrau auf solide Vorkenntnisse aufbauen)
  • Bauleitung Hochbau
  • Gartenbau
  • Krankenpflege
  • Textilpflege
  • Haushaltsmanagement
  • Schulrecht (Elternbeirat)
  • Vereinswesen
  • Mediation
  • Steuerrecht
  • Versicherungsrecht
  • Sanitätswesen
  • Tai Chi
  • usw.

Nebenbei lernte sie mit 40+ Schwimmen und Tauchen, hat die sozialen Netzwerke für sich erobert („Ich muss doch wissen, was das für Plattformen sind, auf denen sich meine Kinder rumtreiben), das komplette Haus W-Lan tauglich machen lassen und der Telekom erklärt, dass sie ihr keine schnellere Leitung verkaufen können, wenn diese in ihrem Ort noch nicht verfügbar ist.

Und sie hat gelernt, Entscheidungen zu fällen und Verantwortung für ALLES zu übernehmen.

Seit neun Jahren wieder berufstätig, lückenlos

Seit neun Jahren ist sie wieder im Beruf. Teilzeit, 25 Stunden die Woche. Natürlich nicht wieder als Bankkauffrau. Da hat sich in 19 Jahren zu viel verändert. Aber in einem Beruf mit viel Kundenkontakt, der eine hohe Stresstoleranz voraussetzt und in den sie sich komplett neu einarbeiten musste.

Mit Mitte 50 hat sie gerade mal zwei Arbeitgeber gehabt: Die Bank, bei der sie gelernt und bis zum ersten Kind auch gearbeitet hat und ihren jetzigen. Und ich wette, sie hat dazwischen nicht ein einziges Mal gedacht: Oh, mein Leben hat eine Lücke! 

Bewirbt sie sich heute – wohl gemerkt nicht als Bankkauffrau -, stören sich Personalmenschen an den 19 Jahren „Lücke“. Mit welchem Recht eigentlich? Wie kann man die bewusste Entscheidung für Kinder und Familie als Lücke bewerten? Wer sich dafür entscheidet, verabschiedet sich doch nicht von Denken und Weiterentwicklung. Im Gegenteil, in aller Regel stehen diese Menschen ständig vor neuen Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen.

Und vor allem: Welche Relevanz hat das, wenn man bereits seit fast zehn Jahren wieder im Beruf ist?

Krankheiten bei der Wurzel packen – alles, aber keine Lücke

Auch Krankheiten verursachen gerne mal LÜCKEN. Der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes kann einen Menschen so sehr treffen, dass er in Selbstzweifeln und/oder Depression versinkt. Sich dieser Situation zu stellen und den Problemen auf den Grund zu gehen kostet Zeit und Energie. Zeit und Energie, die man nicht gleichzeitig einem Arbeitgeber zur Verfügung stellen kann. Zeit, die alles andere als eine LÜCKE ist!

Lücke3Zwar wird inzwischen offener über Depressionen und Co. geredet, als noch vor wenigen Jahren, trotzdem gehen die Erkrankten nicht gerne mit ihren Problemen hausieren. Eine Tatsache, die ich sehr schade finde. Setzt man sich nämlich näher mit der Thematik auseinander, versteht man, welche Leistungen die Patienten erbringen. Sich seinen Ängsten zu stellen, erfordert sehr viel Mut und Kraft und verändert einen Menschen nachhaltig, auch im Berufsleben. Der Fokus verschiebt sich. Situationen, die einen vorher leicht aus der Ruhe gebracht haben, werden gelassener und gleichzeitig souveräner angegangen. Menschen werden belastbarer und ich wette, nicht eine Sekunde ihrer LÜCKE hat sich nach Lücke angefühlt.

Berufliche Neuorientierung oder LÜCKE?

Nach welchen Kriterien wird überhaupt entschieden, was eine LÜCKE ist und was nicht? Reisen junge Menschen nach ihrem Schulabschluss ein Jahr durch die Welt, gilt das als Erweiterung des Horizontes. Mache ich das mit 40, bin ich in der Midlife-Crisis und nicht mehr belastbar. Meine Auszeit wird zur LÜCKE.

Bringt eine beruflich erfolgreiche Frau ein Kind zur Welt und beschließt, nach der Geburt ein Jahr Auszeit zu nehmen und sich dem Kind zu widmen, rennt sie sehenden Auges in die LÜCKE. Nicht selten munkelt man dann auch noch hinter ihrem Rücken, dass sie sich der Verantwortung ihrer Position entziehen will. Gehen Männer in Elternzeit, sind sie die Helden und natürlich ohne LÜCKE.

Spüre ich, dass ich da, wo ich arbeite, nicht mehr richtig aufgehoben bin und nehme mir eine Auszeit, um mich neu zu orientieren: LÜCKE. Ein Sabbatical, in dem ich in Ruhe nachdenke, wie ich künftig weitermachen will: Keine LÜCKE.

Nur kein Arbeitgeber oder doch LÜCKE?

Egal, um welche Art von LÜCKE es sich handelt, ich wette, kein Mensch, der sich auf begrenzte Zeit aus dem Arbeitsleben mit Arbeitgeber zurückgezogen hat, hatte auch nur eine Sekunde das Gefühl, je eine LÜCKE in seinem Leben gehabt zu haben.

Er oder sie hatte befristet keine Arbeitgeber, aber sein Leben hat nicht aufgehört. Es war lediglich anderen Dingen gewidmet. Privaten Dingen. Dingen, die ihm oder ihr wichtig sind. Dingen, die einfach Spaß machen. Dingen, die ihn oder sie als Menschen wirklich weiter gebracht haben.

Ich persönlich schätze Menschen mit Mut zur LÜCKE. Sie sind so oft reflektierter, differenzierter, belastbarer und haben eine höhere Sozialkompetenz, als die „lückenlosen“ Lebensläufe. Solche Menschen sind wertvoll. Für mich. Für die Gesellschaft. Und für jeden Arbeitgeber!

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

4 Gedanken zu „Lücke im Lebenslauf? Gibt es nicht!“

  1. Yeah! Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag! Meine wundervollen, unglaublich herausfordernden und zutiefst geliebten „Lückenfüller“ schlummern gerade friedlich in ihren Betten und trotz der harten Nacht, die mir wahrscheinlich bevorsteht (der „große“ Küstenjunge zahnt und das kleine Küstenmädchen nutzt die Nacht zum Trinken), bin ich so was von froh, sie zu haben!

    Viele liebe Grüße, Küstenmami

  2. Toller Beitrag! Endlich mal eine realistische Sichtweise, die Mut macht, sicher wieder voller Selbstbewußtsein ins“lückenlose“ Berufsleben zu schmeißen…

    1. Danke. Auslöser war meine Schwester, die immer nur von den 19 Jahren gesprochen hat, die sie sich um Familie, Haus und Co. gekümmert und nicht gesehen hat, dass sie bereits (damals) seit fast 10 Jahren wieder im Beruf war.

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