Frauen, Soldaten, Vergewaltigung

Als die Soldaten kamen: Der stille Kampf der Frauen

Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Zumindest für die Männer. Für viele Frauen und Kinder – und auch Männer – gingen mit dem Einzug der alliierten Streitkräfte die Gewalttaten erst richtig los. Denn nicht nur Russen sondern Soldaten aller Nationen betrachteden die Frauen der Besiegten als rechtmäßige Beute. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Schande und Ausgrenzung die Folge für die Frauen. Bis heute hat unsere Geschichte hier noch einen blinden Fleck. Miriam Gebhardt bringt fundiert Licht ins Dunkel.

Frauen, Soldaten, VergewaltigungIrgendwann in den 70ern hat der Musikverein meines Heimatortes eine Partnerschaft mit einem Verein aus USA geschlossen. Ein Ereignis, das mit einem großen Fest gefeiert werden sollte. Und natürlich sollten auch Musiker aus Amerika dabei sein. Schließlich war ein langfristiger, lebhafter Austausch geplant.

„Wie kann man die Amerikaner wieder ins Land holen?“

Meine Schwester und ich waren völlig begeistert und neugierig. Umso mehr hat uns die Reaktion unserer Großmutter, damals wohl so 65 Jahre alt, auf die Ankündigung irritiert. Sie war völlig fassungslos: “Wie können die diese Leute in unser Land holen? Im Krieg haben sie uns alles kurz und klein geschlagen, unsere Häuser angezündet, gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war und unsere Frauen und Kinder geschändet.” Ich weiß noch, dass ich sehr verwirrt war. Ob sie wohl was verwechselte? Der “Feind”, das waren doch die Russen. Nicht die Amerikaner, oder etwa nicht? Hartnäckig bestand sie darauf, dass sie die Amerikaner meine. Sie seien schlimmer gewesen als alle anderen und sie wolle auf keinen Fall, dass wir Mädchen mit ihnen in Kontakt kämen.

Was mich damals irritiert hat, ist mir zwischenzeitlich – unter anderem durch Gespräche mit Zeitzeugen – nachvollziehbarer. Wie groß das Ausmaß der Übergriffe und Vergewaltigungen allerdings war, hat mir Miriam Gebhardt in ihrem Buch “Als die Soldaten kamen” vor Augen geführt. Denn die Soldaten der Alliierten kamen nicht nur als Befreier, sie waren auch gefährlich. Hundertausende Frauen und Mädchen, aber auch Männer und Jungen, sind nachweislich im ganzen Land durch alliierte Soldaten und Besatzungsangehörige vergewaltigt worden. Egal ob in Berlin oder München, im Saarland oder in Schwaben. Mit der Befreiung vom Nazi-Regime begann ein anderer Kampf: Der stille Kampf der Frauen.

Rache und der Wunsch nach Demütigung des Feindes

Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Rache und der Wunsch nach Demütigung der Besiegten gehören ebenso dazu wie zielgerichtete Propaganda in der Heimat. Die deutschen Frauen seien alle sehr willig und entgegenkommend, hatte man den Amerikanern, Russen Franzosen und Briten immer wieder gesagt und so die Hemmschwelle der Männer gesenkt.

Dabei machte es die rechtliche Situation in Nachkriegsdeutschland der deutschen Polizei praktisch unmöglich, zumindest die gemeldeten Vergewaltigungen aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Für Verbrechen an der deutschen Bevölkerung war die jeweilige Militärpolizei zuständig. Also die “Kollegen” der jeweiligen Vergewaltiger. Entsprechend entspannt ging man gelegentlich an die Verfolgung der Vorgänge.

Auch für die Zivilbevölkerung war die Situation kompliziert. Selbst wenn sie direkte Zeugen einer Vergewaltigung waren, konnten sie nicht gegen den oder die Gewalttäter vorgehen, weil das einem Angriff auf die alliierten Streitkräfte gleich gekommen wäre.

Vergewaltigt in mehrfacher Hinsicht

Doch das alles soll das Leiden der Frauen, Mädchen, Jungen und Männer nicht relativieren. Im Gegenteil. Es zeigt, wie aussichtslos ihre Situation war. Endete die Vergewaltigung in einer Schwangerschaft, wurden sie in ihrem Umfeld als Soldatenliebchen verachtet und häufig verstoßen. Ehemänner weigerten sich, für die Kinder zu sorgen. Einen Rechtsanspruch wegen der Vergewaltigung gab es aber auch nicht. Dass diese Kinder ausgesetzt wurden, war an der Tagesordnung. Gab man sie im Säuglingsheim ab, wo sie anschließend zur Vermittlung freigegeben wurden, mussten die vergewaltigten Mütter über Jahre hinaus Unterhalt an die Adoptivfamilie zahlen!

Ließ sich eine Frau mit einem ranghohen Offizier ein, damit sie und ihre Konder vor den Vergewaltigungen durch rangniedere Soldaten geschützt waren, galt sie ebenfalls als Soldatenliebchen und fraternisierten. Der Aspekt, das Leben der Familie zu schützen, zählte nicht.

„Die GIs mussten gar nicht vergewaltigen“

Kurz gesagt: Egal was die Frauen taten, man schob ihnen die Schuld zu und ließ sie mit ihrer Situation alleine. Moral wurde höher gewichtet als die Gewalt, die sie durch Soldaten erfahren haben. Vom weiblichen Sittenverfall und einem Schaden für die Volksgesundheit (Geschlechtskrankheiten) in Deutschland war die Rede. Ein Hohn für die Opfer dieses “Sittenverfalles”, deren Gesundheit bis zu den Vergewaltigungen völlig intakt war.

Der angebliche Sittenverfall gipfelte letztendlich sogar in der These: “Die GIs mussten gar nicht vergewaltigen, weil die Frauen ohnedies mit ihnen Sex haben wollten”.

Ein cleverer Schachzug, konnte man doch so den Umfang des Verbrechens beträchtlich minimieren und sich aus der Verantwortung ziehen.

Ein wesentliches Stück Zeitgeschichte

Bücher wie “Als die Soldaten kamen” von Miriam Gebhardt sind ein wesentliches Stück Zeitgeschichte. Die Autorin, eine Historikerin, arbeitet das Geschehen sorgfältig und neutral auf und belegt es mit zahlreichen Zeugenaussage und Vernehmungsprotokollen. Sie ist dabei weit entfernt von Effekthascherei oder Spannertum. Miriam Gebhardt will einer großen, bislang weitgehend ignorierten Opfergruppe des Zweiten Weltkrieges endlich ein Gesicht geben.

Vielleicht ist es gerade die sachliche Beschreibung der Situation, die dazu geführt hat, dass mir das Buch so ans Herz geht. Fassungslos kann man die Ohnmacht der Frauen mitfühlen, die auf eine Befreiung hofften und denen nun erst recht Gewalt angetan wurde.

Ein wichtiges Buch, das ich allen an Zeitgeschichte Interessierten nur dringend ans Herz legen kann! Vielleicht klärt sich so auch das ein oder andere Familiengeheimnis.

Miriam Gebhardt

Miriam Gebhardt ist Historikerin und Journalistin und lehrt Geschichte an der Universität Konstanz. Neben ihrer journalistischen Arbeit habilitierte sie sich mit einer Studie über „Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert“ (2009). Bei DVA erschienen zuletzt ihre Bücher „Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet“ (2011) und „Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ (2012). Sie lebt in Ebenhausen bei München.

Buchinfo: Als die Soldaten kamen von Miriam Gebhardt, erschienen bei DVA, März 2015, 352 Seiten, gebunden, € 21,99, ISBN: 978-3-421-04633-8 | Cover: Randomhouse

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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