Wer die Schaben hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!

EIn Deutschland machen sich die Schaben breit. Genauer gesagt bislang noch im Süden Deutschlands. Laut Schädlingsbekämpferin hat sie derzeit mindestens sechs Anrufe pro Tag. Tun kann man nichts, denn die Bernstein-Waldschabe spricht nicht auf die Kontakt-Fraßgifte an. 

Meine erste Begegnung mit Schaben, liebevoll auch Kakerlaken genannt, hatte ich als Kind in der Uniklinik Homburg. Nachts sind sie still und heimlich die Wände hoch gekrabbelt um bei Morgendämmerung wie ein Spuk zu verschwinden. Damals wusste ich noch nicht, um welche Tiere es sich handelte, aber beruhigend war anders!

Bei Professor Pfeiffer ging es den Schaben an den Kragen

Die nächste Begegnung ging dann schon deutlich tiefer unter die Haut. Der Schabe. Nicht mir. Zu Biochemiestudium gehörte auch ein Vordiplom in Zoologie und dazu ein Präparationskurs bei Professor Pfeiffer.

Schwäbisch wie er war, wurde alles verwertet, was das Haus kostenlos zu bieten hatte und was sonst keiner brauchte. Dazu gehörten große, fette, amerikanische Schaben. Irgendwann war welche im Gebäude ausgebüxt und hatte sich prächtig vermehrt. Man fand sie überall:

  • in Kabelschächten
  • in Küchenschränken
  • in den Filtern der großen Kaffeebereiter im Konferenzraum

Und die geselligen Tierchen sorgen sie auch eigenständig für Nachschub. Kommende Semester wollen ja auch versorgt sein.

Rühren in zimmerwarmem Fett

Ehrlich, es war eklig, das Tier zu sezieren. Nicht genug, dass mein Drang, jedwedes Getier zu zerpflücken, extrem gering war und ist, die Schabe roch auch noch sehr muffig und man hatte das Gefühl, primär in halbflüssigem Fett zu rühren. Selbst im Tod noch unappetitlich. Details erspare ich an dieser Stelle, sonst lesen nur noch die Hartgesottenen weiter.

Cesar’s Schabenpalast in London

Unser nächstes Rendevous fand im Cesar’s Palace in London statt. Laut Papier ein 4*-Hotel, real mit kleinen Besonderheiten:

  • im Fahrstuhl blieb man mit den Füßen am Boden kleben
  • die Zimmertür war nur mit einem sehr wackeligen Miniriegelchen zu schließen
  • der Bettüberwurf hatte kopfgroße Flecken
  • die Laken kleinere
  • aus den verrosteten Wasserhähnen kamen Rinnsale

Kurzum alles so, als hätte der guten alte Cäsar da selbst noch logiert und aus lauter Ehrfurcht hätte niemand mehr gewagt, Hand an die Innenausstattung zu legen.

Meine Mitbewohner waren da weniger pingelig. Sie haben es sich im Bad gemütlich gemacht und wuselten in alle Ecken, als ich das Licht einschaltete. Lecker!*

Fuß anheben! Zack! Drauf! – NICHT

Dann war lange Zeit Ruhe. Bis vor etwa vier Wochen. Abends in der Küche. Licht an, schwupp wuselt was über den Boden. Fuß angehoben. Zack. Drauf. Nicht nett, ich weiß, aber Instinkt. In meiner Küche bin ich pingelig.

Bernstein-Waldschabe aka Ectobius vittiventris (CC BY 3.0 Amada44)

Erst dann habe ich näher hingesehen. Eine kleine Schabe! Eine Schabe? In meiner Wohnung? Und dann auch noch draufgetreten. Dabei lautet das oberste Gebot bei der Schabenjagd: Nie, aber auch wirklich nie drauftreten. Trägt die Schabe gerade Ei-Pakete, hat man die an den Schuhen und verteilt sie in der ganzen Wohnung. Zu spät. Schon passiert. Und ob es eine Schabe war, war ja auch nicht sicher.

Stunden später im Schlafzimmer. Schon wieder eines der Tiere. Zu Abwechslung an der Wand. Zack! Weg! Eh schon alles egal.

Hauptstadtschaben als blinde Passagiere?

So richtig ruhig war die Nacht dann nicht. Schaben. Wie peinlich. Auch wenn ich weiß, dass Schabenbefall nichts mit Sauberkeit zu tun hat. Die schleppt man sich üblicherweise ein. Entweder an den Schuhen (NICHT drauftreten!), im oder am Gepäck oder per Post versteckt in Kartons. Da ich etwa alle sechs Wochen drei bis vier Tage in Berlin arbeite, also regelmäßig fliege, den TXL-Bus in die Stadt nehme und dann im Hotel übernachte, konnte ich blinde Passagiere nicht ausschließen. Und für die Katze kommen auch regelmäßig Pakete, ein weiterer Gefahrenherd. Vorsichtshalber mal Fraßfallen aufstellen und beobachten.

Eine Woche später. In der Wasserschüssel der Katze hat sich ein Tier suizidiert. Sieht aus wie … EINE SCHABE! Ekelalarm! Nach fünf Minuten mit rotem Kopf schämen googele ich Schädlingsbekämpfer in meiner Region. Vorsichtshalber.

Am Abend des gleichen Tages. Ich sitze auf der Couch, sehe fern. Irgendwas läuft über den Bildschirm. Irgendwas mit sehr langen Fühlern. Schon wieder eine Schabe! Beide relativ klein aber bereits unterschiedliche Größe. Schon zwei Generationen? Ich muss die Fachfrau konsultieren. Gleich morgen.

Erst ’ne Latte, dann ’ne Schabe

Der nächste Morgen. Die Katze führt mich ganz aufgeregt zu ihrer Decke. Da liegt was größeres, hellbraunes. Ein dürres Blatt vom Fikus, denke ich mir und mache mir erst meine Latte Macchiato. Ohne die fängt der Tag schlecht an, Schabe hin oder her. Dann gehe ich doch nochmal zur Decke. EINE SCHABE! Ausgewachsen! Adrenalin strömt durch meinen Körper. Wie peinlich, wie mega mega peinlich. Ich wähle die Nummer der Schädlingsbekämpferin, spreche ihr aufs Band: Schaben eingeschleppt, Hilfe!

Dann der Rückruf. Ob ich Bild von einem Tier hätte. Habe ich nicht, aber ich habe drei tote Tiere. Die kann ich fotografieren. Soll ich tun und schicken. Sie kommt im Moment nicht hinterher. Hat täglich bis zu sechs Anrufen wegen Schabenbefall. Denn Süddeutschland wird derzeit von der Bernstein-Waldschabe (Ectobius vittiventris) überrannt.

Waldschabe, Schabe
Dreimal Bernstein-Waldschabe in unterschiedlichen Altersstufen.
Die Bernstein-Waldschabe kam über die Alpen

Eigentlich lebte diese Schabenart ausschließlich südlich der Alpen, hat aber vor einigen Jahren diese Grenze überwunden und macht sich seither bei uns breit. Diesen Sommer ist es wohl besonders schlimm. Und weil der Schabenruf schlecht, der Ekelfaktor hoch ist, ist die Panik nicht weit.

Völlig überflüssig, wie mir die Schädlingsbekämpferin versichert. Denn anders als ihre Verwandte, die Deutsche Schabe (Blattella germanica) oder die Gemeine Hausschabe (Blatta orientalis) ist Ectobius vittiventris kein Vorratsschädling und überträgt auch keine Krankheiten wie Hepatitis, Typhus oder Cholera.

Deutsche Schabe aka Küchenschabe aka Blattella germanica (CC BY-SA 3.0 / Lmbuga

Ihr natürlicher Lebensraum ist sich zersetzendes Holz und Blattwerk. Davon ernährt sich die Bernstein-Waldschabe auch, weshalb sie in der Wohnung nur kurze Zeit überleben kann. Da sie auch keine Ei-Pakete tragen, geht von den toten Tieren, wenn sie unentdeckt bleiben, also kein Schaden aus.

Flugfähig, keine Eier tragend, keine schwarzen Streifen am Hals

So ähnlich sich Deutsche Schabe und Bernstein-Waldschabe in Größe und Färbung auch sind, an folgenden Parametern lassen sie sich eindeutig unterscheiden

  • die Bernstein-Waldschabe ist flugfähig
  • sie ist auch tagaktiv, mir ist sie meist bei Dämmerung oder kurz danach aufgefallen
  • ihr fehlen die beiden schwarzen Streifen am Halsschild

Taucht also plötzlich etwas in der Wohnung auf, was nach Schabe aussieht, muss das noch lange kein Problem sein. Cool bleiben, sich informieren und dann reagieren, ist das richtige Vorgehen.

Warum ich das schreibe? Weil mir die Auskunft von Frau Wenzel sehr geholfen hat und weil ich dazu beitragen will, dieses Wissen zu verbreiten und dem ein oder anderen Menschen den Schrecken zu nehmen.

*  Das Hotel habe ich übrigens nach der ersten Nacht, die ich komplett bekleidet verbracht habe, gewechselt. Damit wurde ich die Flecken los, nicht aber die Schaben.

Edit 31.08.2017
Wie nicht anders zu erwarten, hat mein Schaben-Blogpost zu der ein oder anderen Diskussion geführt. Was denn an ein, zwei Schaben in der Wohnung schlimm sei, wurde ich gefragt. Kurz gesagt:

  1. an einer nichts, sofern sie keine Eier dabei hat und man nichts gegen angefressene und/oder mit Krankheitserregern verunreinigte Lebensmittel hat
  2. an zweien auch nicht, wenn sie gleichgeschlechtlich sind und die unter eins genannten Voraussetzungen erfüllen

Ich würde dann empfehlen, ordentlich zu heizen. Das verkürzt die Lebenszeit.

Und wenn sich zwei Schaben ganz doll lieb haben

Gehen wir jetzt davon aus, dass wir uns von jedem Geschlecht ein Tier eingehandelt haben und diese beiden sich liebevoll zugetan sind. Drei bis fünf Mal im Jahr produzieren Sie dann Nachkommen, etwa vierzig Stück pro „Wurf“. Ein Teil davon natürlich auch weiblich, also wieder drei bis fünf Mal 40 Eier pro Jahr und so weiter.

Du wirst das nicht merken, denn die Deutsche Schabe ist absolut lichtscheu. Gesellig leben die Tiere in großen Verbänden in dunklen Ecken. Normalerweise bekommt man sie nicht zu sehen. Sieht man eine, kann man davon ausgehen, dass sich mindestens ein- bis zweihundert Kollegen im „Bau“ auf ihre Rückkehr warten. Siehst du eine am hellichten Tag, schließ die Tür zu und such dir eine neue Wohnung.** Dann sind nämlich alle Verstecke schon so eng belegt, dass niemand mehr reinpasst.

Also merken wir uns:

Eine Schabe kommt selten allein!

**Kleiner Scherz, aber spätestens jetzt solltest du die Schädlingsbekämpfung anrufen.

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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