Aufschrei: Frauen, zeigt endlich unsere wahre Größe!

Aufschreien statt zwitschern heißt es seit einigen Tagen auf  Twitter. Unter dem Hashtag Aufschrei (#Aufschrei) fassen Menschen in 140 Zeichen zusammen, wie sie den ganz „normalen“ Sexismus-Wahnsinn erleben. Schafft es der Tweet-Sturm, dass die Sexismus-Debatte auch jenseits des Internets wieder an Fahrt aufnimmt? Zu wünschen wäre es.

Sexismus
#Aufschrei – Bleibt es beim Sturm im Twitterglas? (Bild: Ulrike Rosina CC-BY-NC-SA)

Auf Twitter wird derzeit nicht nur gezwitschert und geflötet. Auf Twitter wird aufgeschrien. Denn unter dem Hashtag Aufschrei (#Aufschrei) schildern Tausende von Menschen, die Mehrzahl davon Frauen, wie sie sich immer wieder gegen Sexismus im Alltag zur Wehr setzen müssen. So häufig, dass vielen schon gar nicht mehr auffällt, dass sie guten Grund zur Gegenwehr haben.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Auslöser der Debatte: Zwei Journalistinnen, die kurz nacheinander über sexistisches Verhalten ihrer Interviewpartner berichteten. Und um das klar zu betonen, bei #Aufschrei geht es der Mehrzahl der „Aufschreier“ weder um die Inhalte dieser Interviews, noch um die beteiligten Personen, noch um den Erscheinungstermin. Sie waren nur der Tropfen, der ein ohnehin schon randvolles Fass zum Überlaufen brachte.

Selten habe ich so lange gezögert, ob und was ich zu einem Thema bloggen kann und will, wie bei #Aufschrei. Nachdem ich erst dachte, es ginge mal wieder um dämliche „alle Männer sind scheiße und wir Frauen sind die besseren Menschen“-Sprüche, habe ich mir widerstrebend die Twitter-Timeline angesehen. Doch da stand nichts von „alle Männer sind scheiße“. Da stand in 140 Zeichen das tägliche Elend, gegen das sich – überwiegend – Frauen zur Wehr setzen müssen.

Eine überwältigende Masse an „Kleinigkeiten“

Wir sprechen hier nicht von Aufsehen erregenden Einzelsituationen. Wir sprechen von „Kleinigkeiten“. Die allerdings in ihrer Masse wieder eine Menge Aufsehen erregen. Situationen, die uns – und damit meine ich nicht nur Frauen – so vertraut sind, dass wir sie nicht einmal mehr als Sexismus wahrnehmen wollen oder können. Sie sind lästig, sie sind unangenehm. Und sie sind – leider -vertraut. Spätestens bei jedem dritten Tweet am 25.02.2013 musste ich zugeben: Ok, habe ich in dieser oder ähnlicher Form auch schon erlebt.

Macht uns gegenseitig stark!

Ja, ich finde es schlimm, was da geschrieben wird, von wenigen dümmlichen Ausnahmen mal abgesehen. Aber ich finde auch, dass die Thematik zwei Seiten hat. Die, die tun und die, die tun lassen und sich selbst klein machen. Dabei rede ich nicht Täter-/Opferrollen sondern von effektiver Zusammenarbeit. Frauen lassen durch ihr Verhalten viel zu oft zu, dass Männer, aber auch andere Frauen einen Hebel gegen sie ansetzen können. Sie haben das Netzwerken längst nicht so effizient verinnerlicht, wie Männer.

Bewerten sich Frauen gegenseitig, fließen viel häufiger persönliche Antipathien mit ein. Männer beschränken sich meist stärker auf die fachliche Leistung. Denen ist es egal, ob beim Gegenüber die Hemden grundsätzlich eine Größe zu klein sind, ob es zu- oder abgenommen hat, gut oder schlecht gestylt ist. Entsprechend anders ist auch die Zusammenarbeit. Egal, ob man jemanden privat leiden kann oder nicht, wenn es um den eigenen Erfolg geht, wird auf fachlicher Ebene kooperiert. Genugtuung erfährt Mann dann zum Beispiel dadurch, dass ihn diese Zusammenarbeit erfolgreicher macht. Vielleicht sogar erfolgreicher als das Gegenüber.

Ja, ich spreche von Stereotypen

Um diejenigen zu beruhigen, die so nicht arbeiten: Ja, ich spreche hier von Stereotypen. Es gibt bei beiden Geschlechtern Menschen, die so nicht vorgehen. Es gibt aber deutlich mehr, die in dieses Muster fallen. Und es ist auch kein Appell an die Frauen, sich mit völlig überflüssigen Machtspielchen aufzuhalten, während alle bereits sachorientiert arbeiten könnten. Ich will nicht „die Sprache der Männer lernen müssen“, um im Beruf voran zu kommen.

Aber ich will auch nicht länger, dass Frauen sich gegenseitig niedermachen. Dass sie genau die Muster übernehmen, die sie an in #Aufschrei bemängeln, um vermeintliche Konkurrentinnen auszuschalten. Es ist nicht besonders glorreich, hintenrum Gerüchte zu streuen, ob sich da vielleicht jemand beim Chef hoch geschlafen zu habe. Oder Mitarbeiterinnen über ihre Äußerlichkeiten bei den Kollegen schlecht zu machen.

Halbnackte Frauen werben für billige Ware – freiwillig!

Ich möchte auch keine Werbespots mehr sehen, in denen kaum bekleidete Frauen mit dem Kauf billiger Produkte in Zusammenhang gebracht werden. Peinlich genug, dass es im 21. Jahrhundert noch Agenturen gibt, die solchen Mist verzapfen. Peinlich genug, dass es Kunden gibt, die solchen Mist in Auftrag geben. Aber warum muss es auch noch Frauen geben, die sich für solchen Mist hergeben?

Was ich sagen will: Wir Frauen müssen nicht stillhalten und auf die Erleuchtung in den Köpfen anderer warten. Auch nicht auf neue Gesetze oder auf Alice Schwarzer 2.0. Das alles ist zwar nötig, wenn sich langfristig und nachhaltig etwas für uns ändern soll.  Aber wir können – jede einzelne von uns – jetzt sofort anfangen, die Dinge zu ändern.

  • Indem wir stärker mit- als gegeneinander arbeiten
  • Indem wir unsere Netzwerke stärken und ebenso tragende Seilschaften bilden, wie es uns die Männer vormachen
  • Indem wir die Gerüchteküchen um uns herum nicht beachten und schon gar nicht schüren oder initiieren
  • Indem wir uns selbst nicht mehr unter Wert verkaufen (lassen)
  • Indem wir auf unsere Wortwahl anderen Frauen gegenüber achten. Möchten wir selbst so genannt werden?
Größe zeigen statt dulden

Leider sehe ich in den letzten Jahren eher die umgekehrte Entwicklung. Mein Eindruck ist, es gibt wieder zunehmend mehr Mädchen und Frauen, die meinen, sich von Jungs/Männern alles gefallen lassen zu müssen. Die sich klein und damit zur leichten Beute machen.

Warum orientieren wir uns nicht, bis wir die großen Dinge ändern können, an den Fischen oder Vögeln? Sie schwimmen oder fliegen im Schwarm und zeigen so ihre wirkliche Größe.

Ich möchte diesen Blog nicht ohne zwei Nachsätze schließen:

  • Seit dem 25.01.2013 sind mir so viele Situationen wieder eingefallen sind, in denen ich mich völlig überflüssig wehren musste, nur weil ich Frau bin. In denen ich mich in der Öffentlichkeit unwohl gefühlt habe, nur weil ich Frau bin. So unangenehm dieses Aufrütteln ist, es wird für mein künftiges Verhalten nicht ohne Folgen bleiben. Danke dafür, #Aufschrei!
  • Es gab vor allem am 25.01.2013 auf  Twitter auch viele gute Beiträge  von Männern, die angesichts der Masse an Statements einfach traurig waren und denen ich diese Trauer auch abkaufe. Ich hoffe, dass manch einer davon sich künftig den ein oder anderen Spruch verkneifen wird, weil ihm nicht bewusst war, wie sein weibliches Gegenüber ihn wahrnimmt.

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

3 Gedanken zu „Aufschrei: Frauen, zeigt endlich unsere wahre Größe!“

  1. Ich gehörre zu den Männern, die den Aufschrei gut finden. Weil ja auch ich was davon habe. Im Grunde bennenst du es ganz gut in deinem Beitrag – Frauen verkaufen sich selbst zu oft unter Wert. Für mich als Mann ist es ein Ding der Unmöglichkeit ein Gefühl zu entwickeln, ob ich bereits Ekel bin oder doch noch Charmeur. Ich rede jetzt natürlich nicht von den ganz haarsträubenden Angelegenheiten, die schon unter kriminell laufen. Sondern von den Aspekten, wo evtl der besonnene Mann sexistisch ist ohne es zu ahnen oder zu wollen. Er erfährt es aber halt auch nicht, solange eben nicht geschrien wird. Also, weg mit der Maske, ich selbst habe nichts davon, wenn ich zehn Witze mach, von denen mir 5 selbst dämlich vorkommen – aber Frauen lachen über jeden davon. Aber vor allem: raus aus dem netz und der Anonymität von Nicknames. Das ist für den Anfang nett, hat aber mit Emanzipation wenig zu tun. Auf die Straße. Runter mit den Masken, denn Ehrlichkeit hilft beiden „Seiten“. Denn am ende geht es nur gemeinsam. Niemals gegeneinander. Dafür ist das Thema leider auch eine Sour zu fest in unserer Natur verankert. Das führe ich im Link unten weiter aus, bevor ich hier das Kästlein sprenge…also: Gerne weiterrufen und die oben benannten Tipps der werten frau Bloggerin hier beachten. Ist was dran.
    http://davidwonschewski.wordpress.com/2013/01/26/uber-den-segen-der-sexismus-debatte-oder-der-freudig-uberraschte-misanthrop/

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