„Einfach so“-Tag: N#MMER – Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten

Kürzlich habe ich hier das Buch „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“ vorgestellt. Darin erklärt uns ein Junge, der mit schwerem Autismus lebt, seine Welt. Ein Buch, das mich sehr berührt hat. Unter anderem deswegen, weil er sich ständig dafür entschuldigt, dass er sich in vielen Situationen anders verhält, als seine Umwelt das von ihm erwartet.

Jetzt habe ich auf Startnext das Projekt „N#MMER – Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten“ entdeckt und beschlossen, es im Rahmen meiner „Einfach so“-Tage zu unterstützen.

Was ist das Anliegen von „N#MMER – Das Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten“?

Hierzu zitiere ich die Website zum Magazin:

N#MMER ist ein Magazin für Autisten und AD(H)Sler. Ohne Selbstmitleid, ohne Hokuspokus. Aber mit Themen von uns, für uns, über uns. Doch N#MMER will mehr. Nämlich aktiv Grenzen zwischen Autisten, AD(H)Slern und neurotypischen* Menschen abbauen, indem das Magazin zeigt wie wir die Welt sehen.

Wer steht hinter dem Projekt?

Denise Linke (*1989) hat in Hamburg, Berlin und Potsdam Politikwissenschaft und Zeitgeschichte studiert. Ihre ersten Zeitungsartikel veröffentlichte sie bereits 1999 und publizierte in den Folgejahren unter Anderem in der Frankfurter Rundschau, den Kieler Nachrichten und der Welt. 2006 erschien im Ullstein Verlag ihr erstes Buch Lass mich doch mal ausreden. Im Frühjahr und Sommer 2014 wird sie Hospitanzen bei der FAS und Zeit Online absolvieren und ihr Masterstudium abschließen. Ihre erste Asperger-Diagnose bekam sie im Sommer 2011 in Kalifornien, eine zweite Diagnose folgte im Januar 2012 in Berlin.

Jetzt unterstützen!

Ich würde mich sehr freuen, wenn der/die ein oder andere von euch dieses Projekt auch unterstützen würde, weil ich denke, dass es eine gute Möglichkeit ist, sich gegenseitig besser kennen und verstehen zu lernen.

Oder natürlich einfach so – um den Menschen hinter N#MMER ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Mehr „Einfach so“-Tage auf Ulrike kommuniziert: Einfach so

Was ist Startnext

Startnext ist eine Crowdfunding Community für kreative Projekte im deutschsprachigen Raum. Hier stellen kreative Köpfe ihr Ideen vor und hoffen auf die Unterstützung der Masse. Schon viele tolle Projekte konnten so umgesetzt werden.

Ein Junge mit Autismus erklärt seine Welt

Warum guckst du uns nicht in die Augen? Warum rastest du aus? Warum magst du meine Hand nicht halten? All das sind Fragen, die Menschen – und Eltern im Speziellen – im tagtäglichen Umgang mit autistischen Kindern und Erwachsenen stellen. Naoki Higashida, ein japanischer Junge und selbst schwer autistisch, erklärt seine Welt. Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus, autismus Deutschland e.V., definiert Autismus wie folgt:

Die autistische Störung (syn. frühkindlicher Autismus) ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in den ersten 3. Lebensjahren beginnt. In den folgenden drei Bereichen werden die Symptome deutlich: im sozialen Umgang mit Mitmenschen, in der Kommunikation und in sich stets wiederholenden Handlungen. Autistische Kinder können zunächst keine Geste, kein Lächeln, kein Wort verstehen. Sie ziehen sich zurück, kapseln sich „autistisch“ ab – daher der Name! Jede Veränderung in ihrer Umwelt erregt sie stark. Autistische Kinder können nicht spielen und benutzen ihr Spielzeug in immer gleicher, oft zweckentfremdeter Art und Weise. Sie entwickeln Stereotypien: z.B. Drehen und Kreiseln von Rädern, u.a. Wedeln mit Fäden oder Papier.

Cover: rowohlt.de
Cover: rowohlt.de
Naoki Higashida lässt uns in seinen Kopf schauen

So weit, so gut, doch wie sich das anfühlt, können Menschen ohne Autismus wohl in den seltensten Fällen erahnen. Naoki Higashida bringt uns diese Welt, seine Welt, näher. Obwohl sein Autismus so stark ausgeprägt ist, dass es ihm kaum möglich ist zu kommunizieren, hat er mit Hilfe eines engagierten Lehrers und einer Papptafel gelernt, sich mitzuteilen. Die Tafel enthält die vierzig grundlegenden japanischen Hiragana-Silben. Man kann sie sich wie eine aufgemalte Computertastatur vorstellen. Naoki tippt auf die Silben und ein Helfer “übersetzt” für ihn. So werden aus Silben Wörter, aus Wörtern Sätze und aus Sätzen sogar Bücher. Zwar kann Naoki auch auf direkt auf der Computertastatur schreiben, wird dadurch aber schneller abgelenkt. In “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann” gibt er uns verblüffende Antworten auf 58 Fragen, die wir uns beim Miteinander mit autistischen Menschen am häufigsten stellen, z.B.:

  • Wie schreibst du diese Sätze?
  • Warum sprecht ihr Autisten so laut und so komisch?
  • Warum stellst du immer wieder dieselben Fragen?
  • Warum schickst du Fragen als Echo an die Frager zurück?
  • Wieso machst du Sachen, die dir tausendmal verboten worden sind, trotzdem immer wieder?
  • Kannst du Babysprache besser verstehen?
  • Warum sprichst du so sonderbar?
  • Warum brauchst du ewig, um eine Frage zu beantworten?
  • Sollten wir jedes Wort von dir auf die Goldwaage legen?
  • Wieso kannst du dich nicht ordentlich unterhalten?
  • usw.

Naokis Antworten haben mich tief bewegt. Hauptsächlich deswegen, weil er sich so oft dafür entschuldigt und um Verständnis für seine Erkrankung bittet. Dabei müssten es doch wir Gesunden sein, die Verständnis haben. Beeindruckt hat mich ebenfalls, wie anschaulich Naoki schildert, was in seinem Kopf vor sich geht:

Mir ist auch schon aufgefallen, dass wir Autisten Fragen häufig wie ein Papagei wiederholen. Anstatt zu antworten, geben wir die Frage in haargenau denselben Worten zurück. … Indem wir die Frage zurückschicken, gewinnen wir Zeit und können unser Gedächtnis nach Hinweisen für das, was der Fragende wissen will, durchsuchen. Wir haben die Frage natürlich verstanden, aber wir können sie erste beantworten, wenn wir aus unserem Kopf das richtige “Erinnerungsbild” herausgefischt haben.

Es ist nicht so, dass ich nicht gern die Hand von jemandem halte. Aber wenn ich dann zufällig etwas Interessantes entdecke, dann muss ich unbedingt dahin und lasse die Hand, die ich gerade halte, einfach los. Ich merke es nicht einmal von allein, sondern erst, wenn die andere Person sagt: “Oh! Er möchte meine Hand nicht halten.” Früher hat mich dieses Missverständnis ziemlich deprimiert…

Wenn Autismus zur Stärke wird

Aber auch seine Erklärung, warum er Ordnung und Wiederholungen so sehr mag, hat mich beeindruckt. Die wiederkehrenden Muster machen ihn glücklich, weil er sich dadurch komplett auf den Inhalt des Gesagten oder Gesehenen konzentrieren kann, ohne durch Veränderungen angelenkt zu werden. Gerade diese Mustererkennung und die Konzentration auf eine einzige Sache ist es, die SAP dazu bewegt, bis 2020 ein Prozent seiner Stellen weltweit mit Menschen mit autistischer Störung zu besetzen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, wie ich finde.

Merkwürdig fand ich übrigens die Sprache in „Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann“. Sie klang so gar nicht wie die eines 13-Jährigen. Das kann unterschiedliche Hintergründe haben:

  • ich habe keine Ahnung von der japanischen Sprache, könnte mir aber vorstellen, dass sie ziemlich „formell“ ist
  • Naokis Fingerzeige wird von einer anderen Person transkribiert
  • der Originaltext wurde von einer erwachsenen Japanerin auf Englisch übersetzt
  • der englische Text wurde dann – vermutlich auch von einer/einem Erwachsenen – auf Deutsch übersetzt

Auch wenn sich einige der Fragen in abgewandelter Form wiederholen, hat Naoki mein Herz berührt. Er ist so bemüht, uns seine Welt zu zeigen, dass man einfach mitgehen muss. Wer Autisten besser verstehen möchte, sollte “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann” lesen und ihre wahren Stärken verstehen lernen.

Naoki Higashida

Naoki Higashida, geboren 1992 in Kimitsu, Japan, hat “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann” im Alter von 13 Jahren verfasst. Er wurde für seine Texte mehrfach ausgezeichnet und hält Vorträge zum Thema Autismus.

Buchinfo: “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann” von Naoki Higashida, erschienen bei rororo, Mai 2014, 160 Seiten, gebunden, € 12,99, ISBN 978-3-499-62873-3.

Danke an den Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.