Christoph Kucklick, Die granulare Gesellschaft

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft

“Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst” lautet der Untertitel zu Christoph Kucklicks Buch “Die granulare Gesellschaft”. Und in der Tat verändert die Digitalisierung viel in und an unserer Gesellschaft. Zum Beispiel müssen wir einerseits unsere Grenzen neu definieren, andererseits gewähren wir freiwillig Einblicke in unserer Leben, die in dieser Tiefe vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen wären. Christoph Kucklick geht auf die Dimensionen und die Folgen für den Einzelnen ein.

Christoph Kucklick, Die granulare GesellschaftWas auf den ersten Blick wie ein weiteres Buch über die Einflüsse der Digitalisierung auf unser tägliches Leben wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als etwas viel tiefer gehendes. Der schnelle und unkomplizierte Zugang zu Daten lässt inzwischen für viele Probleme wesentliche individuellere und feiner abgestimmte Lösungen zu.

Nehmen wir das Beispiel Gesundheits-Tracking. Jeder von kennt Menschen, die sich freiwillig den ganzen Tag an diverse “Datenschreiber” hängen. Sie tragen sie am Handgelenk, beim Joggen gerne auch mal um die Brust oder ganz gezielt auf Körperstellen, die Probleme bereiten. Ich glaube nicht, dass es je so viele Menschen gab, die freiwillig dauerhaft ihre Körperfunkionen überwacht haben. Blutdruck, Puls, Temperatur werden permanent aufgezeichnet. Mit Vor- und Nachteilen. Ein Vorteil liegt ganz sicher darin, dass die Lifelogger im Krankheitsfall die perfekten Langzeitdaten auf Knopfdruck vorweisen können. Besser und feiner ausgewertet, als es ein Langzeit-EKG oder ähnliches bisher konnten. Der Nachteil daran: Daten wecken Begehrlichkeiten. Krankenkassen könnten zum Beispiel auf die Idee kommen, so das Verhalten ihrer Mitglieder genauer zu überwachen.

Einheitslösungen werden nicht mehr ausreichen

Die Zeiten, wo man mit einer Lösung für alle ausgesorgt hatte, gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Sowohl die künftige Arbeitswelt als auch unter Privatleben werden nach individuellen Lösungen, neuen Wertebildern verlangen. Damit lässt sich die Digitalisierung mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen. Damals hieß es, die Allgemeinheit sei nicht in der Lage, mit dem neuen Wissen umzugehen und doch hat es funktioniert. Sogar gut funktioniert. Zumindest für die breite Masse. Eine Tatsache, die die Mächtigen der damaligen Zeit vermutlich anders gesehen haben.

Ohne erhobenen Zeigefinger aber auch ohne übertriebene Lobpreisungen nimmt Christoph Kucklick die Vor- und Nachteile unserer schönen neuen Big Data Welt ins Visier. Damit liefert er viele Denkanstöße, die es mir als Leserin erleichtern, meine eigene Meinung zu bilden und mich ganz bewusst für die Zukunft zu positionieren.

Unser Leben ändert sich fortwährend, mal in kleineren, mal in größeren Schritten. Aufhalten können wir das nicht (ganz nebenbei möchte ich das auch überhaupt nicht). Aber wir lernen immer wieder aufs Neue, damit umzugehen.

Informativ, spannend, gut!

Ein wirklich tolles Buch mit viel Fachwissen, das trotzdem prima lesbar und sehr spannend ist!

Christoph Kucklick

Christoph Kucklick, Jahrgang 1963, ist promovierter Soziologe und Journalist. Der Chefredakteur der GEO schrieb vorher unter anderem für Die Zeit, Brand eins und Capital. Seine Dissertation Das unmoralische Geschlecht ist bei Suhrkamp erschienen. Kucklick lebt in Hamburg.

Die granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick, erschienen bei Ullstein, November 2014, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 18,00, ISBN 978-3-550-08076-0

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

2 Gedanken zu „Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft“

  1. Zu dem Aspekt der freiwillig gesammelten Gesundheitsdaten möchte ich gerne anmerken: Ja, es ist bei vielen Anwendungen leider vorgesehen, den Einzelnen und dessen individuellen Gesundheitsdatenverlauf zu speichern. Für eine anonymisierte Speicherung für statistische Auswertungen ist dieses grosse Experiment jedoch sehr spannend:
    Es standen noch nie so viele Daten von _gesunden_ Menschen über längere Zeiträume für die Wissenschaft zur Verfügung wie jetzt! Das bedeutet zum Beispiel die Möglichkeit, angenommene Normalwerte für Frauen und Männer nun systematisch zu hinterfragen und ggs. neu zu fassen.

    Ich habe damals mein Fitbit Armband abgelegt, da sie a) nicht bereit waren, meine Daten ohne Personenbezug zu speichern, und b) weil der Armband-Tracker sich immer wieder aufhängte, weil ich mich weigerte meine Daten per Computer oder Smartphone APP zu synchronisieren. Mir hätte die persönliche Fortschrittsanzeige über meine 10.000 Schritte am Tag völlig gereicht.

    1. Bin ich vollkommen bei dir, Doris. Es ist für mich auch ambivalent. Ich sehe – gerade im medizinischen Bereich – die großen Möglichkeiten. Aber eben auch die Schattenseiten.

      Warten wir ab, wie sich das alles entwickelt in der Zukunft.

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