Lernen dürfen statt lernen müssen

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft fällt immer wieder ein Begriff: Lebenslanges Lernen. Häufig mit einer drohenden beziehungsweise negativen Konnotation. Für mich nicht nachvollziehbar, denn für mich ist Lernen eine Art Jungbrunnen.

Nichts hält mein Hirn so wach und so jung wie neues Spielzeug für meine grauen Zellen. Aktuell werden sie wieder kräftig durcheinander gewirbelt. Alle vier Wochen ein neues Thema, in das ich mich stürzen kann, will und muss. Klausur. Dann das nächste Thema. BWL. Qualitätsmanagement. Projektmanagement. Schnell und intensiv.

Ja, die ersten zwei Wochen waren hart. Nach drei Jahren Cloudworking von daheim plötzlich wieder 8 to 5 in einem fremden Büro sitzen, mit fremden Leuten im gleichem Raum, durch Kopfhörer einigermaßen abgeschottet. Dazu kam noch eine schwere Erkältung. Also ein suboptimaler Start. Und eindeutig nicht die sinnvollste Art zu lernen. Kein Mensch ist von acht bis siebzehn Uhr konstant aufnahmefähig. Erst recht nicht, wenn das bedeutet, kurz vor sechs Uhr aufzustehen und eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Eine Stunde, in der man viel effektiver lernen könnte. Aber okay, das ist der Deal, darauf habe ich mich eingelassen. Effektiv ist es nicht.

Jedenfalls passierte nach den ersten zwei Wochen wieder das, was immer passiert ist, wenn ich neue Themen angegangen bin: Ich lebe auf. Ich spüre, wie ich von Tag zu Tag wacher werde, auch wenn ich abends fix und alle heim komme.

Der Zugang zum Stoff fällt mir leicht, immer noch. Auch mit 50+. Weil er mir viele neue Anregungen gibt. Neue Wege aufzeigt. Meine Überraschung, wie faszinierend ich zum Beispiel das Thema Qualitätsmanagement finde, habe ich bereits erwähnt.

Mein Tipp an euch: Wenn ihr merkt, dass ihr im Job anstumpft, euer Engagement zurückschraubt, dann wird es allerhöchste Zeit, neue Kunststückchen zu lernen. Denn dann brauchen die grauen Zellen neues Futter. Traut euch. Es lohnt sich!

Christoph Kucklick: Die granulare Gesellschaft

“Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst” lautet der Untertitel zu Christoph Kucklicks Buch “Die granulare Gesellschaft”. Und in der Tat verändert die Digitalisierung viel in und an unserer Gesellschaft. Zum Beispiel müssen wir einerseits unsere Grenzen neu definieren, andererseits gewähren wir freiwillig Einblicke in unserer Leben, die in dieser Tiefe vor wenigen Jahren noch nicht vorstellbar gewesen wären. Christoph Kucklick geht auf die Dimensionen und die Folgen für den Einzelnen ein.

Christoph Kucklick, Die granulare GesellschaftWas auf den ersten Blick wie ein weiteres Buch über die Einflüsse der Digitalisierung auf unser tägliches Leben wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als etwas viel tiefer gehendes. Der schnelle und unkomplizierte Zugang zu Daten lässt inzwischen für viele Probleme wesentliche individuellere und feiner abgestimmte Lösungen zu.

Nehmen wir das Beispiel Gesundheits-Tracking. Jeder von kennt Menschen, die sich freiwillig den ganzen Tag an diverse “Datenschreiber” hängen. Sie tragen sie am Handgelenk, beim Joggen gerne auch mal um die Brust oder ganz gezielt auf Körperstellen, die Probleme bereiten. Ich glaube nicht, dass es je so viele Menschen gab, die freiwillig dauerhaft ihre Körperfunkionen überwacht haben. Blutdruck, Puls, Temperatur werden permanent aufgezeichnet. Mit Vor- und Nachteilen. Ein Vorteil liegt ganz sicher darin, dass die Lifelogger im Krankheitsfall die perfekten Langzeitdaten auf Knopfdruck vorweisen können. Besser und feiner ausgewertet, als es ein Langzeit-EKG oder ähnliches bisher konnten. Der Nachteil daran: Daten wecken Begehrlichkeiten. Krankenkassen könnten zum Beispiel auf die Idee kommen, so das Verhalten ihrer Mitglieder genauer zu überwachen.

Einheitslösungen werden nicht mehr ausreichen

Die Zeiten, wo man mit einer Lösung für alle ausgesorgt hatte, gehören mehr und mehr der Vergangenheit an. Sowohl die künftige Arbeitswelt als auch unter Privatleben werden nach individuellen Lösungen, neuen Wertebildern verlangen. Damit lässt sich die Digitalisierung mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen. Damals hieß es, die Allgemeinheit sei nicht in der Lage, mit dem neuen Wissen umzugehen und doch hat es funktioniert. Sogar gut funktioniert. Zumindest für die breite Masse. Eine Tatsache, die die Mächtigen der damaligen Zeit vermutlich anders gesehen haben.

Ohne erhobenen Zeigefinger aber auch ohne übertriebene Lobpreisungen nimmt Christoph Kucklick die Vor- und Nachteile unserer schönen neuen Big Data Welt ins Visier. Damit liefert er viele Denkanstöße, die es mir als Leserin erleichtern, meine eigene Meinung zu bilden und mich ganz bewusst für die Zukunft zu positionieren.

Unser Leben ändert sich fortwährend, mal in kleineren, mal in größeren Schritten. Aufhalten können wir das nicht (ganz nebenbei möchte ich das auch überhaupt nicht). Aber wir lernen immer wieder aufs Neue, damit umzugehen.

Informativ, spannend, gut!

Ein wirklich tolles Buch mit viel Fachwissen, das trotzdem prima lesbar und sehr spannend ist!

Christoph Kucklick

Christoph Kucklick, Jahrgang 1963, ist promovierter Soziologe und Journalist. Der Chefredakteur der GEO schrieb vorher unter anderem für Die Zeit, Brand eins und Capital. Seine Dissertation Das unmoralische Geschlecht ist bei Suhrkamp erschienen. Kucklick lebt in Hamburg.

Die granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick, erschienen bei Ullstein, November 2014, 272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 18,00, ISBN 978-3-550-08076-0

So wollen Top-Talente arbeiten – und nicht nur die! (+ Gewinnspiel)

Vor drei oder vier Jahren war ich noch völlig überzeugt, kein Typ für eine reine Homeoffice Tätigkeit zu sein. Niemand zum Reden beim Kaffee holen, keine schnellen Rückfragen, wenn was unklar ist, keine Möglichkeit, sich mal auszukotzen, wenn man gerade nicht vorwärts kommt. Dafür aber reichlich Möglichkeiten, sich anderweitig abzulenken. Das waren nur ein paar meiner Bedenken.

Auch mal der Intuition folgen

Dann kam eine berufliche Veränderung und der einzige Haken daran war: Es war Homeoffice in Teilzeit. Beides eigentlich Ausschlusskriterien bis dahin, aber mein Bauch sagte mir ganz entschieden, ich solle das machen. Und mein Bauch hatte Recht! Aber so was von Recht.

Brecke: So wollen Top-Talente arbeitenIn den vergangenen drei Jahren habe ich kaum noch Zeit auf dem Weg zur Arbeit oder zurück vergeudet. Meinen Tag konnte ich weitgehend einteilen. Wenn ich müde war, auch mal eine Stunde die Augen schließen und dann motiviert weitermachen. Ich habe gelernt, mich neu zu koordinieren und akzeptiert, dass meine beste Arbeitszeit zwischen sieben und dreizehn Uhr liegt. Zumindest im Sommer. Im Winter schiebt sie sich etwas nach hinten. Logischerweise lege ich mir komplexe Aufgaben also auf den Vormittag. Bei schönem Wetter – davon gab es dieses Jahr ja reichlich – arbeite ich auf dem Balkon, genieße die frische Luft. Ehe jetzt Fragen kommen: Klar, bin ich bei wichtigen Terminen vor Ort. Egal wo.

Wenn Arbeit gesund macht

In dieser Zeit war ich praktisch nicht krank, überwiegend gut gelaunt und sehr produktiv. Ich habe mich in viele neue Programme eingearbeitet und wieder ein Mal festgestellt, wie sehr ich das mag. Und ich behaupte meine Lieblinge gegenüber anderen Tools, wenn ich mit denen einfach effektiver bin. Mit etwas gutem Willen findet sich immer eine Lösung.

Spannend daran: Seit ich so arbeite, lerne ich immer mehr Menschen kennen, die ähnlich arbeiten. Häufig sind das junge Unternehmen, nicht selten etwas nerdy, kreativ und wirklich etwas bewegend. Und genauso häufig haben sie erst Bedenken, dass eine solche Form der Zusammenarbeit mit jemandem, der schon auf der Welt war, als die “Digital Natives” geboren wurden, funktionieren kann. Allerdings dauern die Vorbehalte nicht lange, dann überzeugt die Selbstständigkeit und die Gelassenheit bei der Arbeit. Neue Tools? Kein Problem. Muss man sich halt anschauen und austesten. Richtungswechsel in der Firmenausrichtung, weil der Markt sich so schnell ändert? Ja und? Veränderung gehört zu Leben und hält den Geist wach. Apropos wacher Geist: Wer in jungen Unternehmen arbeitet, kann sich meistens auch überall da einbringen, wo er/sie was auf dem Kasten hat oder wo er/sie sich einarbeiten möchte. Eine weitere Sache, wo sich Menschen mit Erfahrung kräftig punkten können. Vorausgesetzt, sie sind bereit, ebenfalls von anderen zu lernen.

Long Story Short

Um es kurz zu machen: Ich möchte diese Form der Arbeit nicht mehr missen. Weitgehend selbstbestimmt aber für das Team und mit dem Team. Abwechslungsreich, ohne die eigenen Stärken zu vernachlässigen oder sich zu verzetteln. Entspannt, weil die Umgebung offen ist. Offen für Neues, offen für Fehler, offen für Menschen und ihre Eigenheiten.

So, was hat das jetzt mit dem Buch “So wollen Top-Talente arbeiten” von Jan Brecke zu tun?

Eine ganze Menge. Denn was ich oben beschrieben habe, sind Ansprüche und Eigenschaften, mit denen sich Unternehmen auseinandersetzen müssen. Nicht nur bei jungen, neuen Talenten, sondern auch bei vielen engagierten „Altlasten“. Und diese für sich zu gewinnen und im Betrieb zu halten, wird in der Zukunft noch entscheidender für den Unternehmenserfolg.

Dabei haben es die Unternehmen nicht einfach. Bis zu fünf “Arbeitnehmergenerationen” bewegen sich aktuell unter deutschen Firmendächern und nicht alle Babyboomer und “noch älter” sind so gestrickt, wie ich das bin. Übrigens auch längst nicht alle „Digital Natives“. Hier die neuen freien Geister mit den erfahrenen freien Geistern zu Teams zu führen, ist kein einfaches Unterfangen. Eine klare Unternehmenskultur mit starker Vision ist eine wichtige Herausforderung dafür.

Ebenso wichtig sind Vertrauen und Freiheit zur Entfaltung der Potenziale. Eine Aufgabe, die den Personalbereichen Kopfzerbrechen bereitet. Personalentwicklung lautet das Zauberwort der HR. Ein Begriff, den ich übrigens furchtbar finde. Er ist so passiv. Wer maßt sich an, einen Menschen zu entwickeln? Lässt man Talenten eine genügend lange Leine und stellt ihnen erfahrene und gleichzeitig offen und neugierig gebliebene Kräfte als “Brückenbauer” zur Seite, entwickeln sich hervorragende Teams. Da gehe ich jede Wette ein. (Fällt es auf, dass ich bevorzugt in KMUs “Brückenbauerin” zwischen den Werten von heute und morgen werden möchte? Nein, oder?)

Jan Breckes Buch – ein sehr guter Ansatz

Jedenfalls konnte ich bei Jan Breckes Buch oft nicken. Endlich redet mal jemand von Potenzial und meint damit nicht Noten in Abschlüssen. Von Neinsagern und Querdenkern. Und er redet von Führung und meint damit nicht nur Hierarchie sondern primär unterstützende Begleitung. Eine Aufgabe, der viele unserer Führungskräfte nicht gewachsen sind, denn sie sind wegen ihrer guten fachlichen Qualitäten aufgestiegen, nicht wegen ihres Führungspotenzials.

Brecke hat ein gutes Buch geschrieben, das alle, die mit freien Geistern arbeiten und ihr Unternehmen wirklich zukunftswirksam aufstellen wollen oder müssen, lesen sollten. Für mich geht es zumindest mal einen Schritt weiter als das meiste, was ich zu diesem Thema bisher gelesen habe. Allerdings noch nicht weit genug. Dazu fehlt mir die Option, dass viele Mitarbeiter Top-Talente werden können, wenn man sie wirklich in ihren Stärken arbeiten lässt und weniger stark reglementiert. Ganz egal, was ursprünglich in ihrer Stellenbeschreibung erfasst wurde. Und Vorschläge, wie Abteilungen und Bereiche umgebaut werden müssen, dass sie Mitarbeiter mehr als 30 Prozent ihrer Ressourcen (Gallup-Studie) in den Unternehmenserfolg einbringen können.

Wer dazu konkretere Ansätze hören will, muss sich mit Miriam Specht in Verbindung setzen. Sie hat bereits vor Jahren begonnen, praxistaugliche Modelle zum Unternehmensumbau zu entwickeln, die den Menschen und seine Potenziale in den Vordergrund stellen und wirkliche Top-Performance ermöglichen. Ich stelle gerne den Kontakt zu ihr her.

Holt euch ein Exemplar von “So wollen Top-Talente arbeiten”

Da Miriam Specht aber noch nichts publiziert hat, biete ich meine Lesern zur Einstimmung auf die schöne, neue Arbeitswelt ein Exemplar von “So wollen Top-Talente arbeiten” an. Natürlich neu vom Frankfurter Allgemeine Buch. Danke für die Bereitstellung des Buches.

Als Gegenwert möchte ich dafür gerne einen Kommentar unter diesem Beitrag, was dich/euch an der Arbeitswelt von morgen reizt.

Bitte beachte dabei folgende Punkte:

  • Beantworte ab sofort bis spätestens 19.10.2015 unter diesem Blogpost folgende Frage: Was reizt dich/Sie an der Arbeitswelt von morgen
  • Verlost wird ein Exemplar des o.g. Buches.
  • Die Verlosung erfolgt bis spätestens 22.10.2015.
  • Der oder die Gewinnerin wird zur Ermittlung der Versandadresse von mir per E-Mail kontaktiert, also gebt bitte eine E-Mail-Adresse an. E-Mail-Adressen werden von mir ausschließlich zur Benachrichtigung des/der GewinnerIn und zur Ermittlung der Versandadresse verwendet.
  • Gebt keine Adressen in den Kommentaren an (Datenschutz!).
  • Versendet wird ausschließlich an Adressen in Deutschland.

Und jetzt viel Erfolg beim Gewinnspiel und viel Spaß beim Lesen des wirklich interessanten Buches!

Jan Brecke

Jan Brecke leitet global HR Development bei Beiersdorf und hat als Senior Manager bei GE, UBS, der Deutschen Bank und Daimler Potentialträger in den USA, Japan, der Schweiz und Deutschland gecoacht und beraten. Der Dipl.-Psychologe und Betriebswirt ist spezialisiert auf die Entwicklung von Top-Managern, deren Nachfolgeplanung und Talent Management.

Buchinfo: So wollen Top-Talente arbeiten von Jan Brecke, erschienen bei Frankfurter Allgemeine Buch, Juni 2015, 203 Seiten, gebunden, € 24,90, ISBN 978-3-95601-085-9