Dement, aber nicht bescheuert – Teil II

Vor einigen Tagen habe ich mit der Besprechung des Buches “Dement, aber nicht bescheuert” von Michael Schmieder begonnen. Aus einer klassischen Rezension ist allerdings deutlich mehr geworden. Nennen wir es “ein Plädoyer für einen besseren Umgang mit Menschen”, das für einen einzigen Blogpost zu viel war.

Dement aber nicht bescheuertDoch der Reihe nach. Warum mich das Thema Demenz überhaupt interessiert und die ersten Eindrücke von Heim Sonnweid habe ich in “Dement, aber nicht bescheuert – Teil I”  beschrieben. In Teil zwei will ich weiter auf die Besonderheiten des Heimes eingehen und warum mir diese so selbstverständlich und naheliegend erscheinen.

Eine Welt für die Kranken schaffen

Wie schon erwähnt, setzt man in Sonnweid nicht auf isolierende Einzel- oder Doppelzimmer, sondern auf Gruppenstrukturen, die entsprechend der Fähigkeiten der Bewohnerinnen und Bewohner angepasst werden. Auslöser dafür war die Erfahrung, dass demente Menschen ruhiger sind, wenn sie unter Menschen sind. Dabei wird auf ausreichend Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre geachtet.

Eigentlich verständlich. Ich würde mich auch wohler fühlen, wenn ich nicht Tag für Tag isoliert in einem Zimmer sitzen oder liegen müsste.

Warum sollen sich die kranken Menschen anpassen?

Ein weiterer, in meinen Augen sehr wichtiger Punkt, ist generell die Haltung der Heimleitung und ihrer Belegschaft, demente Menschen nicht mit dem Maßstab der “gesunden” Welt zu messen. Egal, ob für einen Bewohner ein Matratzenlager auf dem Boden ausgelegt wird, weil er sich nur auf dem Boden wohlfühlt und vorher immer versuchte, aus dem Bett zu klettern, was ein erhöhtes Sturzrisiko bedeutet hat. Oder ob man sich äußerst intensiv mit der Vergangenheit eines Menschen auseinandersetzt und feststellt: Er isst deshalb nichts am Tisch, weil er aus einem streng katholischen Elternhaus kam, in dem vor dem Essen gebetet wurde. Setzt man diese Tradition fort, ist plötzlich die Ernährung kein Problem mehr.

Es ist nicht zu überhören, ich bin begeistert von Schmieders Strategie. Sie ist geprägt von hohem Respekt und immer neuer Reflexion der individuellen Bedürfnisse jedes Kranken. Und ich freue mich zu lesen, dass es inzwischen auch in Deutschland erste Heime gibt, die das “Sonnweid-System” aufgreifen. Denn so respektvoll möchte ich auch behandelt werden, sollte ich je an Demenz erkranken.

Warum es in Deutschland so schwierig ist

Ich weiß aber auch, dass die Umsetzung solcher Maßnahmen in Deutschland ungleich schwieriger ist. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die gesetzlichen Auflagen an die Pflege sind deutlich höher als in der Schweiz. Ob sie in dieser Form allerdings wirklich nötig sind und ob den Kranken Menschen selbst weiter hilft, steht auf einem anderen Blatt. Daran lassen mich Berichte über einen überbordenden Verwaltungsaufwand auf Kosten der Betreuungszeit in deutschen Heimen stark zweifeln.
  • Der Pflegeschlüssel in deutschen Einrichtungen ist nicht auf die intensive Betreuung, wie sie in Sonnweid Alltag ist, ausgelegt. Er ist zu niedrig. In meinen Augen würde hier Minimierung des Verwaltungsaufwandes in der Pflege die Situation schon deutlich aber nicht ausreichend entspannen.
  • Die Wertschätzung für pflegende Menschen in unserer Gesellschaft ist nicht annähernd hoch genug. Erst recht nicht die Bezahlung. Was Pflege- und Betreuungspersonal tagtäglich bereitwillig auf sich nimmt, egal ob in der gewerblichen oder in der privaten Pflege, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber das verstehen viele erst dann, wenn sie selbst auf diese Hilfe angewiesen sind.

Ja, ich weiß, ich fordere Gelder und Zeit, um die Pflegesituation nicht nur dementer Menschen deutlich zu verbessern. Und ich weiß, dass beides knapp ist. Aber ich habe auch gesehen, dass es anders geht. In Ländern, die deutlich weniger Wohlstand haben als wir.

Ist die Fassade wirklich wichtiger?

Aber dort haben haben sich die deutschen Touristen, die mit mir unterwegs waren, darüber beschwert, wie schlecht die Straßen seien, wie wenig adrett die Häuser, usw. Dass dafür die Alten und Kranken kostenlos versorgt werden und massiv in die Ausbildung der Kinder investiert wird, wollten sie nicht gelten lassen.

Vielleicht müssen wir ja endlich unsere Schwerpunkte verschieben. Ich würde es mir wünschen. Für uns alle.

Allen, die sich mit dem Thema Demenz näher befassen, kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

MICHAEL SCHMIEDER

geboren 1955, leitet das Heim Sonnweid bei Zürich. Er ist ausgebildeter Pfleger und hat einen Master in Ethik

USCHI ENTENMANN

Jahrgang 1963, ist Autorin bei Zeitenspiegel Reportagen in Weinstadt bei Stuttgart

Buchinfo: Dement, aber nicht bescheuert von Michael Schmieder und Uschi Entenmann, erschienen bei Ullstein, 23.10.2015, 224 Seiten, Klappenbroschur, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-08102-6

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

3 Gedanken zu „Dement, aber nicht bescheuert – Teil II“

  1. Hallo, ich habe das Blog erst kürzlich entdeckt. Und mich gleich festgelesen;-)
    Vielen Dank für diese interessante Rezension und die Gedanken dazu. Das Buch steht nun auf meiner Leseliste! Das kommt dann als nächstes, wenn ich mit „Zukunft wagen“ durch bin 🙂
    Ich würde mich sehr über weitere interessante Buchvorstellungen freuen!
    Viele Grüße Alexa

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