Dräger/Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution

Stellen wir uns vor, in Schulen wird individuell auf jeden Schüler und jede Schülerin eingegangen. Abhängig von den Lernergebnissen des Vortages wird über Nacht der persönliche Lehrplan für den Folgetag erarbeitet. Im Unterricht gibt es dann bei jeder Aufgabe sofort Feedback in Form von Lob oder als Hilfestellung. Wiederum für jeden einzelnen ganz individuell angepasst. Geht nicht? Doch, kann sehr wohl gehen. Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt erklären wie.

Die digitale Bildungsrevolution von Joerg Draeger
Die digitale Bildungsrevolution von Joerg Draeger

In den letzten Jahrzehnten war unsere Gesellschaft permanent im Wandel. Unser Alltag, unsere Umwelt, unsere Arbeitwelt. Das Einzige, was sich kaum entwickelt hat, ist die Art, wie wir lehren. Ein Lehrer steht vor einer Klasse mit 25 Schülerinnen und bietet allen einen standardisierten Unterricht, der sich am Durchschnitt orientiert. Das Ergebnis: Die Schwächsten bleiben auf der Strecke, die Besten langweilen sich. Denn selten hat das Lehrpersonal genügend Spielraum, auf alle Bedürfnisse individuell einzugehen.

Computergestützt und individuell zum Erfolg

Das geht längst auch anders. Die USA, Asien und Lateinamerika machen es vor. Dort, wo der Zugang zu guter Bildung entweder sehr teuer oder nur schwer möglich ist, unterstützt zunehmend Software beim individuellen Lernen. Mit verblüffenden Ergebnissen. Die Leistungen steigen bei der computerunterstützten Lehre signifikant an, den Lehrenden bleibt mehr Zeit, sich individuell um einzelne Bedürfnisse zu kümmern. Zwar gilt das längst noch nicht für alle Fächer, sondern bislang primär für die mathematisch-logischen, aber immerhin.

Ähnlich ist es an Universitäten, zum Beispiel in den USA. Die hohen Studiengebühren stellen für viele Interessenten eine unüberwindbare Hürde dar. Vollzeitpräsenz machen Teilzeitstudierenden ein Studium unmöglich. Seit einiger Zeit veröffentlichen immer mehr Universitäten ihre Lehrmaterialien im Netz und ermöglichen so Interessierten als aller Welt den Zugriff. Sie können Klausuren teilnehmen und Abschlüsse machen. Ohne je eine Universität von innen gesehen zu haben. Und lassen dabei die “klassischen” Studierenden um Längen hinter sich.

Digitalisierung und Big Data im Dienst der Bildung

Dräger und Müller/Eiselt schildern eindrücklich, wie sich die Digitalisierung und Big Data für die Bildung in unserem Land nutzen lassen. Vorausgesetzt wir überwinden unsere Abwehrhaltung dagegen und überwinden “Standesdünkel”. Denn interessanterweise haben wir hier im Bildungssystem die gleichen Probleme wie in der freien Wirtschaft.

Lehrer bangen um ihre Jobs, anstatt die Vorteile solcher Lehrmethoden zu sehen und sich auf Veränderungen einzulassen. Vorausgesetzt, ihnen wird vorab der passende Hintergrund zum Umgang mit den digitalen Lehrmethoden und deren Anwendung intensiv vermittelt. Professoren, die begnadete Lehrer sind, bangen um ihre Reputation, wenn sie primär mit dieser Stärke arbeiten und weniger Zeit in die Forschung investieren sollen. Dafür wären andere stärker mit der Korrektur von Klausuren und Abschlussarbeiten beschäftigt. Kurz gesagt: Hierarchien werden aufgeweicht, was in unserer Gesellschaftsstruktur immer als Verlust der persönlichen Bedeutung Einzelner gesehen wird.

Lehrende nutzen ihre Stärken: Sie lehren!

Was ist so schlimm daran, wenn auch in der Lehre jeder seinen Stärken entsprechend eingesetzt wird, seine Kernkompetenzen bestmöglich ausleben kann und seine Begeisterung so an Schülern, Auszubildende oder Studierende weitergibt?

Ich bin keine Lehrerin oder Dozentin, aber ich stelle es mir bereichernd vor, zu sehen, dass den Menschen, die ich ausbilden soll, bestmöglich versorgt zu sehen und zusätzlich genug Zeit zu haben, im Einzelfall ganz individuell persönlich zu unterstützen. Dahin müssen wir kommen, wenn wir mittelfristig ein hohes Bildungsniveau in unserem Land halten wollen. Denn in anderen Ländern ist man da weniger zögerlich. Dazu kommen unzählige bildungshungrige Menschen, die dank MOOCs (Massive Open Online Courses), Online-Universitäten und Online-Lernprogrammen endlich ihren Hunger Kosten stillen können. Wenn wir nicht wollen, dass wir bildungstechnisch das Nachsehen haben, müssen wir unser Bildungssystem revolutionieren. Und zwar dringend und schnellstmöglich.

Ein Muss für alle, die mit Lehre zu tun haben

“Die Digitale Bildungsrevolution” von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt hat mich von der ersten Seite an fasziniert. Zum einen, weil ich selbst Weiterbildung liebe und in unregelmäßigen Abständen meine Dosis brauche. Aber auch, weil ich die Anregungen und die vorgeschlagenen Wege so selbstverständlich finde. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man sich diesen Ansätzen aufgrund von Prestigedenken entziehen kann oder dubioser Ängste verweigern kann.

Ein Lese-Muss für alle, die mit Ausbildung und Lehre zu tun haben.

Die Autoren

Kaum jemand in Deutschland hat wohl einen besseren Überblick über die Chancen und Folgen des digitalen Lernens als Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt.

Jörg Dräger, geboren 1968, ehemaliger Hamburger Wissenschaftssenator und heutiger Vorstand der Bertelsmann Stiftung, gilt als ausgewiesener Bildungsexperte. Der Buchautor – 2011 erschien bei der DVA Dichter, Denker, Schulversager – ist ein gefragter Redner und Impulsgeber zur Zukunft der Bildung.

Ralph Müller-Eiselt, Jahrgang 1982, ist mit Internet und sozialen Medien aufgewachsen. Er forscht für die Bertelsmann Stiftung, wie der digitale Wandel unsere Gesellschaft verändert, und twittert (@bildungsmann, @Bildung_Digital) und bloggt (digitalisierung-bildung.de) über die Bildung von morgen.

Buchinfo: Die digitale Bildungsrevolution von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt, erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 28.09.2015, 240 Seiten (Printausgabe), eBook, 13,99 €, ISBN: 978-3-641-17258-9. Vielen Dank für das Leseexemplar.

6 Gründe, warum KMU beim digitalen Wandel die Nase vorn haben

Unternehmen, die flexibel agieren können und wollen, werden beim digitalen Wandel die Nase vorn haben. Das ist die große Chance für KMU mit ihren kürzeren Wegen und ihrer größeren Nähe zu Kunden und Beschäftigten. Sechs Beispiele zeigen, welche Handlungsansätze es gibt.

Arbeiten40, Digitale Transformation, KMUDigitale Transformation, digitaler Wandel, Arbeiten 4.0, Industrie 4.0, Enterprise 2.0, die durch die Digitalisierung nötigen Veränderungen tragen viele Namen. Nicht alle beschreiben genau das Gleiche, aber das ist egal. Denn im Grunde geht es schlicht und ergreifend um die Maßnahmen, die Unternehmen spätestens heute einleiten müssen, wenn sie morgen noch wettbewerbsfähig sein wollen. Das gilt sowohl für die Wissensarbeit als auch für die Produktion.

Die Herausforderungen sind bekannt

Eigentlich ist das auch nicht so schwer, denn vieles wissen wir ja bereits:

  • Die Welt rückt näher zusammen und damit auch die Wettbewerber
  • Entwicklungszyklen werden immer schneller
  • Kunden wollen und können mehr Einfluss auf die Unternehmensentwicklung nehmen
  • Die Grundhaltung von Beschäftigten zu Festanstellung und Vollzeit verändert sich
  • Der Ruf nach familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen wir lauter
  • Der Wunsch nach autonomem Arbeiten wächst

Kurz gesagt: Unternehmen müssen flexibler werden.

StartUps – Die Schnellboote im digitalen Wettbewerb

Wie das geht, machen uns StartUps im Bereich Wissensarbeit vor. Gearbeitet wird – soweit möglich – an verteilten Plätzen. Sei es von daheim, im Coworking Space, am Strand oder im gemeinsamen Büro. Auch die Arbeitszeiten sind meist flexibel und berücksichtigen den jeweiligen Biorhythmus, das Familienleben und das Privatleben ganz allgemein. Ausgeprägte Hierarchien gibt es nicht, jeder bringt das ein, was er oder sie am besten kann. Klar gibt es auch hier ungeliebte Arbeiten, über die man sich dann verständigen muss, wer sie wann macht.

Ein eindrucksvolles Beispiel für ein Unternehmen, was jetzt schon zukunftstauglich ist, ist die Agentur Dark Horse Innovation. Ihr Buch “Thank God, It’s Monday” lege ich allen ans Herz, die sich für neue Arbeitsmodelle interessieren.

KMU – Keine Schnellboote mehr aber wendiger als Flugzeugträger

Zugegeben, ganz so einfach haben es KMU nicht. Sie starten nicht neu. Hier gibt es bereits gewachsene Strukturen, Abstimmungs- und Freigabe-Richtlinien, Karrieren, die mit Führung verbunden sind und so weiter. Dennoch sind sie wesentlich flexibler als die meisten Großunternehmen. Und genau hier liegt der Schlüssel für ihre Zukunft.

  • Kleine und mittlere Unternehmen haben in der Regel kürzere Entscheidungswege als Großunternehmen und Konzerne. Damit sind sie wendiger und können schneller auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen reagieren. Sie müssen es aber auch wirklich wollen.
  • Auch der Weg zum Kunden ist kürzer. Rückmeldungen und Anforderungen können schneller wahrgenommen und in der künftigen Planung berücksichtigt werden. Vorausgesetzt man nutzt das Wissen der Beschäftigten, die in direktem Kundenkontakt stehen. Sie stehen in der ersten Reihe und haben in aller Regel wertvolles Wissen, das viel zu selten bis zur Führungsspitze und der Unternehmensplanung vordringt.
  • KMU können ihre größere Nähe zu den Beschäftigten nutzen, um sich mit deren Wünschen und Nöten auseinander zu setzen. Fragen Sie, was ihnen fehlt und was ihnen helfen würde. Schaffen Sie Möglichkeiten, zumindest teilweise auch von daheim zu arbeiten oder sich die Zeiten flexibel einteilen zu können. Ich weiß, dass das nicht bei allen Arbeitsschritten problemlos geht, aber an vielen Stellen ist es möglich. Man muss es nur wollen. Warum Sie das tun sollen? Die Beschäftigten, die sie halten, müssen Sie nicht neu einstellen.
  • Geben Sie Ihren Beschäftigten mehr Freiheiten. Nehmen Sie sie in die Verantwortung. Ohne “Deckel von oben” läuft so manches reibungsloser und erfolgreicher als mit. Agile Arbeitsmodelle wie zum Beispiel Scrum sind hier wirkungsvolle Instrumente für mehr Autonomie. Gleichzeitig werden Führungskräfte entlastet und können sich wieder stärker ihren fachlichen Qualifikationen widmen. Diese werden durch den klassischen Aufstieg mit Führungsverantwortung fast immer drastisch beschnitten.
  • Knüpfen Sie Aufstiegschancen nicht an Führungsverantwortung. Befördern Sie eine hervorragende Ingenieurin in eine Führungsposition, schwächen Sie selbst Ihr Unternehmen. Die Fachkraft hat weniger Zeit, das zu tun, weswegen sie eigentlich aufgestiegen ist. Stattdessen muss sie sich Aufgaben widmen, die sie nicht gelernt hat, die nicht in ihrem Stärkenbereich liegen und auf die sie oft auch keine Lust hat. Schaffen Sie spannende und verantwortungsvolle Stellen für Ihre Fachkräfte und suchen Sie intern oder extern nach Leuten, die ein Händchen für unterstützende, moderierende Führungsarbeit haben. Damit bleiben Sie fachlich stärker und werden zum attraktiven Arbeitgeber für neue Mitarbeiter.
  • “Fachkräftemangel”, “War for Talents”, jeder kennt diese Buzz Words. Gemeint ist die vermeintliche Knappheit an Fachkräften auf Grund der demografischen Entwicklung. Auch hier können KMU ihre Karte ausspielen und die Nase vorn haben. Vereinfachen Sie Ihre Bewerbungsverfahren. Öffnen Sie sie für Mosaik-Karrieren, für internationale Bewerber, für Teilzeit-Profis, für Freelancer, für Wiedereinsteiger, für alle. Verzichten Sie auf vorgeschaltete Standardseiten, über die man sich nur bewerben kann, wenn ganz bestimmte Voraussetzungen (zum Beispiel ein bestimmter Studienabschluss, eine bestimmte Fachrichtung) erfüllt sind. Setzen Sie auf individuelle Bewerbungen, führen Sie mehr persönliche Gespräche (online, am Telefon und persönlich) und binden Sie die Fachabteilungen stärker in die Entscheidungen ein. Das kostet zwar mehr Zeit, wird ihnen aber die “Hidden Talents” bringen. Je stärker sich unsere Gesellschaft ändert, desto seltener werden die “klassischen” Lebensläufe. Wenn Sie hier reagieren, haben Sie die besten Karten im Kampf um gute Beschäftigte.

Warum Sie mir diesen Punkten die Nase vorn haben können? Weil Sie schneller und flexibler agieren und reagieren können als Großunternehmen. Weil Sie zuhören, was Beschäftigte und Kunden wollen. Weil sie offen sind für Neues und Ungewohntes.

Ja, es gehört Mut dazu, die entsprechenden Schritte einzuleiten. Aber meiner Meinung nach sind sie unumgänglich, wenn man für die Zukunft gerüstet sein will.

Fangen Sie an. Am besten heute noch.