Dräger/Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution

Stellen wir uns vor, in Schulen wird individuell auf jeden Schüler und jede Schülerin eingegangen. Abhängig von den Lernergebnissen des Vortages wird über Nacht der persönliche Lehrplan für den Folgetag erarbeitet. Im Unterricht gibt es dann bei jeder Aufgabe sofort Feedback in Form von Lob oder als Hilfestellung. Wiederum für jeden einzelnen ganz individuell angepasst. Geht nicht? Doch, kann sehr wohl gehen. Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt erklären wie.

Die digitale Bildungsrevolution von Joerg Draeger
Die digitale Bildungsrevolution von Joerg Draeger

In den letzten Jahrzehnten war unsere Gesellschaft permanent im Wandel. Unser Alltag, unsere Umwelt, unsere Arbeitwelt. Das Einzige, was sich kaum entwickelt hat, ist die Art, wie wir lehren. Ein Lehrer steht vor einer Klasse mit 25 Schülerinnen und bietet allen einen standardisierten Unterricht, der sich am Durchschnitt orientiert. Das Ergebnis: Die Schwächsten bleiben auf der Strecke, die Besten langweilen sich. Denn selten hat das Lehrpersonal genügend Spielraum, auf alle Bedürfnisse individuell einzugehen.

Computergestützt und individuell zum Erfolg

Das geht längst auch anders. Die USA, Asien und Lateinamerika machen es vor. Dort, wo der Zugang zu guter Bildung entweder sehr teuer oder nur schwer möglich ist, unterstützt zunehmend Software beim individuellen Lernen. Mit verblüffenden Ergebnissen. Die Leistungen steigen bei der computerunterstützten Lehre signifikant an, den Lehrenden bleibt mehr Zeit, sich individuell um einzelne Bedürfnisse zu kümmern. Zwar gilt das längst noch nicht für alle Fächer, sondern bislang primär für die mathematisch-logischen, aber immerhin.

Ähnlich ist es an Universitäten, zum Beispiel in den USA. Die hohen Studiengebühren stellen für viele Interessenten eine unüberwindbare Hürde dar. Vollzeitpräsenz machen Teilzeitstudierenden ein Studium unmöglich. Seit einiger Zeit veröffentlichen immer mehr Universitäten ihre Lehrmaterialien im Netz und ermöglichen so Interessierten als aller Welt den Zugriff. Sie können Klausuren teilnehmen und Abschlüsse machen. Ohne je eine Universität von innen gesehen zu haben. Und lassen dabei die “klassischen” Studierenden um Längen hinter sich.

Digitalisierung und Big Data im Dienst der Bildung

Dräger und Müller/Eiselt schildern eindrücklich, wie sich die Digitalisierung und Big Data für die Bildung in unserem Land nutzen lassen. Vorausgesetzt wir überwinden unsere Abwehrhaltung dagegen und überwinden “Standesdünkel”. Denn interessanterweise haben wir hier im Bildungssystem die gleichen Probleme wie in der freien Wirtschaft.

Lehrer bangen um ihre Jobs, anstatt die Vorteile solcher Lehrmethoden zu sehen und sich auf Veränderungen einzulassen. Vorausgesetzt, ihnen wird vorab der passende Hintergrund zum Umgang mit den digitalen Lehrmethoden und deren Anwendung intensiv vermittelt. Professoren, die begnadete Lehrer sind, bangen um ihre Reputation, wenn sie primär mit dieser Stärke arbeiten und weniger Zeit in die Forschung investieren sollen. Dafür wären andere stärker mit der Korrektur von Klausuren und Abschlussarbeiten beschäftigt. Kurz gesagt: Hierarchien werden aufgeweicht, was in unserer Gesellschaftsstruktur immer als Verlust der persönlichen Bedeutung Einzelner gesehen wird.

Lehrende nutzen ihre Stärken: Sie lehren!

Was ist so schlimm daran, wenn auch in der Lehre jeder seinen Stärken entsprechend eingesetzt wird, seine Kernkompetenzen bestmöglich ausleben kann und seine Begeisterung so an Schülern, Auszubildende oder Studierende weitergibt?

Ich bin keine Lehrerin oder Dozentin, aber ich stelle es mir bereichernd vor, zu sehen, dass den Menschen, die ich ausbilden soll, bestmöglich versorgt zu sehen und zusätzlich genug Zeit zu haben, im Einzelfall ganz individuell persönlich zu unterstützen. Dahin müssen wir kommen, wenn wir mittelfristig ein hohes Bildungsniveau in unserem Land halten wollen. Denn in anderen Ländern ist man da weniger zögerlich. Dazu kommen unzählige bildungshungrige Menschen, die dank MOOCs (Massive Open Online Courses), Online-Universitäten und Online-Lernprogrammen endlich ihren Hunger Kosten stillen können. Wenn wir nicht wollen, dass wir bildungstechnisch das Nachsehen haben, müssen wir unser Bildungssystem revolutionieren. Und zwar dringend und schnellstmöglich.

Ein Muss für alle, die mit Lehre zu tun haben

“Die Digitale Bildungsrevolution” von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt hat mich von der ersten Seite an fasziniert. Zum einen, weil ich selbst Weiterbildung liebe und in unregelmäßigen Abständen meine Dosis brauche. Aber auch, weil ich die Anregungen und die vorgeschlagenen Wege so selbstverständlich finde. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie man sich diesen Ansätzen aufgrund von Prestigedenken entziehen kann oder dubioser Ängste verweigern kann.

Ein Lese-Muss für alle, die mit Ausbildung und Lehre zu tun haben.

Die Autoren

Kaum jemand in Deutschland hat wohl einen besseren Überblick über die Chancen und Folgen des digitalen Lernens als Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt.

Jörg Dräger, geboren 1968, ehemaliger Hamburger Wissenschaftssenator und heutiger Vorstand der Bertelsmann Stiftung, gilt als ausgewiesener Bildungsexperte. Der Buchautor – 2011 erschien bei der DVA Dichter, Denker, Schulversager – ist ein gefragter Redner und Impulsgeber zur Zukunft der Bildung.

Ralph Müller-Eiselt, Jahrgang 1982, ist mit Internet und sozialen Medien aufgewachsen. Er forscht für die Bertelsmann Stiftung, wie der digitale Wandel unsere Gesellschaft verändert, und twittert (@bildungsmann, @Bildung_Digital) und bloggt (digitalisierung-bildung.de) über die Bildung von morgen.

Buchinfo: Die digitale Bildungsrevolution von Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt, erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt, 28.09.2015, 240 Seiten (Printausgabe), eBook, 13,99 €, ISBN: 978-3-641-17258-9. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Digitale Marketing-Evolution: „Sowohl … als auch“ statt „Entweder … oder“

Marketing analog versus Marketing digital. So denken immer noch viele Entscheider. Die Lösung heute lautet aber: Das eine tun ohne das andere zu lassen. “Digitale Marketing-Evolution” gibt einen sehr guten Einblick in die aktuellen Marketing-Spielregeln.

Digitale Marketing-EvolutionDigitalisierung ist aktuell vermutlich eines der häufigsten Buzz-Worte im Marketing Bereich. Zu Recht, denn sie hat die Spielregeln der Kommunikation zwischen Kunden und Unternehmen schnell und nachhaltig verändert. Eine Tatsache, die trotzdem noch immer nicht bei allen Organisationen angekommen ist. Sie halten in ihrem Denken an tradierten, analogen Handlungsweisen fest. Mit fatalen Folgen, wie die Autoren von “Digitale Marketing-Evolution” prognostizieren:

Wer klassisch wirbt, stirbt.

Doch ganz so rigide sind sie dann doch nicht, die Autoren. Im Gegenteil, sie nehmen ihre Leser bei der Hand und beantworten ihnen viele Fragen:

  • Warum funktioniert Marketing in der digitalen Welt so anders?
  • Wie denke und werbe ich digital?
  • Wie kann man nicht nur kreativ sein, sondern mithilfe valider Daten wirklich durchschlagende Ideen, Kampagnen und Maßnahmen entwickeln – egal in welchem Kanal?
  • Wie beginnt man mit ganzheitlichen Marketingbotschaften zu überzeugen, statt sich in einzelnen Werbekanälen zu verlieren?
  • Wie macht man die Wirkungen und den Erfolg einzelner Maßnahmen besser messbar?
Ein Buch für alle, die sich noch verweigern

Ich bin überzeugte und langjährige Bloggerin. Wenn ich Blogger-Events zur Stärkung einer Marke anbiete, höre ich immer wieder:

Damit brauche ich meinem Vorgesetzten nicht zu kommen. Das kann man ja nicht messen. Wenn ich eine Anzeige in der Regionalzeitung veröffentliche, kann ich die vorlegen und sagen: Auflage XX Tausend. Das zieht.

Nun ja, kann man so machen. Muss man aber nicht. Auflage alleine sagt nämlich schon mal überhaupt nichts aus. Die müsste aufgesplittet werden in den Teil der Leser, die sich für exakt dieses Thema interessiert. Und die müssten gerade an dem betreffenden Tag den Beitrag auch noch lesen. Vielleicht ist aber auch die Seite genau diejenige, in die meine Himbeeren hier im Hofladen eingepackt werden. Die Seite, die genau deshalb zu dem Zweck verwendet wird, weil sie niemanden interessiert.

Viel genauer misst da die digitale Werbung. Ich kann nicht nur nach Alter, Geschlecht, Region und Interessen auswählen, wer meine Anzeige sehen soll, nein, ich kann auch nur dann zahlen, wenn jemand wirklich auf meine Annonce klickt. Oder wenn sie zu einem Besuch meiner Seite führt, oder, oder, oder. Und ich kann die Bedingungen jederzeit ändern, wenn sie nicht die Resonanz erreichen, die ich mir erhofft habe. Mitten in der Kampagne.

Das eine zu tun bedeutet nicht, das andere zu lassen

Wie das geht, worüber man sich im Vorfeld Gedanken machen sollte und wie der beste Mix aussieht, erläutern die Autoren von “Digitale Marketing-Evolution” ausführlich und gut verständlich.

Mir hat dabei besonders gut gefallen, dass sie betonen:

Das eine zu tun bedeutet nicht, das andere zu lassen.

Ein Hinweis, der mir viel zu selten auftaucht, der generell zu wenig in den Köpfen der Menschheit präsent ist.

Kaufen, lesen, handeln

Von mir bekommt die “Digitale Marketing-Evolution” eine ganz klare Kaufempfehlung. Das Buch sollte zur Zwangslektüre für alle werden, die immer noch nur auf klassisches Marketing setzen und sich noch nie Gedanken über einen digital-analogen Medienmix gemacht haben. Es gibt zwar keine Universal-Anleitung, die gibt es nämlich nicht. Aber es beleuchtet anschaulich alle relevanten Themen.

Wer also nicht weiß, was er oder sie den Vorgesetzten zu Weihnachten schenken soll: Wie wäre es mit einem kleinen Stückchen Bewusstseinserweiterung in Sachen zeitgemäßem Marketing.

Die Autoren

Felix Holzapfel gründete mit seinem Bruder Klaus im Jahr 2002 das Unternehmen conceptbakery, welches sich auf die Entwicklung alternativer Marketingstrategien für Unternehmen in Deutschland und den USA spezialisiert hat. Er hat sich einen Namen als Bestseller-Autor und Co-Autor mehrerer Bücher gemacht und ist gefragter Referent für unkonventionelles, digitales und medienübergreifendes Marketing.

Klaus Holzapfel lebt seit 1997 in den USA. Gemeinsam mit seinem Bruder Felix gründete Klaus Holzapfel im Jahr 2002 das Unternehmen conceptbakery. Seitdem ist er Geschäftsführer der amerikanischen Niederlassung in Denver, CO. Dort identifiziert er unter anderem Trends im Bereich Marketing, um bereits heute das Know-how aufzubauen, das für die Herausforderungen von morgen benötigt wird. Außerdem ist er Experte für die Verbindung von Werbemaßnahmen mit einem guten Zweck und Gründer der Non-Profit-Organisation Ubuntu Now.

Sarah Petifourt arbeitet seit dem Jahr 2003 im Bereich Marketing – zuerst im Projektmanagement, später verstärkt im Bereich Markenführung und Strategie. Seit dem Jahr 2011 ist sie für conceptbakery Deutschland tätig. Dort leitet sie den Bereich „Strategie und Qualitätsmanagement“. Dabei hat sie sich unter anderem als Spezialistin für die Erfassung, Auswertung und Analyse von Daten sowie die Entwicklung medienübergreifender Strategien etabliert. Ihr Wissen gibt sie in Form von Fachbeiträgen und nun erstmals auch mit diesem Buch weiter.

Patrick Dörfler hat über 10 Jahre Erfahrung in diversen Mediengattungen. Durch seine Wurzeln in der Unternehmensberatung, Public Relations und Branded Entertainment verfügt Patrick Dörfler über einen äußerst breit gefächerten Erfahrungsschatz. Diesen nutzt er seit 2011 als Leiter Beratung der conceptbakery in Deutschland zur Betreuung zahlreicher namhafter Unternehmen. Seine Steckenpferde sind Social Media, mobile und digitale Kommunikation. Zudem ist er als Gast-Dozent, Trainer und Speaker bei verschiedenen Instituten und Veranstaltungen tätig.

Digitale Marketing Evolution von Felix und Klaus Holzapfel, Sarah Petifourt und Patrick Dörflerhat, erschienen bei Businessvillage, erschienen April 2015, 256 Seiten, ISBN 978-3-869-80296-1. Danke für die Bereitstellung des Leseexemplares.

Babyboomer: Die verkannte Generation

Über die Generation Y habe ich schon einiges geschrieben und noch mehr gelesen. Über die Babyboomer hingegen deutlich weniger und wenn, dann meist despektierliches im Sinne von: “Wo die mal sitzen, sitzen sie und deshalb haben wir Nachfolgegenerationen keine Chance. Die sind einfach zu viele.” Nun bin ich selbst Babyboomerin und kann sagen, ich bin schon oft aufgestanden und habe mich woanders niedergelassen. Und immer wieder war es spannend.

Babyboomer, Generation Y, Digital, Gesellschaft
Cover: suhrkamp.de

Doch zurück zum Anfang. Wie gesagt gibt es viel Literatur über die sogenannte Generation Y aber wenig über die Babyboomer. Umso mehr hat es mich gefreut, bei Suhrkamp “Babyboomer – Die Generation der Vielen” von Bernhard von Becker zu finden.

Babyboomer? Was ist das denn?

Ab Mitte der 50er Jahren hatte sich Deutschland nach dem Krieg soweit berappelt, dass man sich Kinder wieder leisten konnte. Gleichzeitig hatte die Pille ihren Siegeszug noch nicht begonnen. Bernhard von Becker fasst den Rahmen noch enger und zählt nur die Jahrgänge von 1960 bis 1965 dazu. Zum Wirtschaftwunder kam also auch das Allzeits-Fertilitäts-Hoch. Oder anders formuliert: Es wurde geboren, was das Zeug hielt.

Dass wir viele waren, wusste ich. Mit mir wurden insgesamt zwei Klassen mit jeweils knapp über 30 Kindern eingeschult. In einem Dorf mit 2.500 Einwohnern! Und nachmittags fand sich in der Straße immer jemand zum Völker- oder Federball spielen. Bernhard von Becker hat es noch etwas genauer: “Im Spitzenjahrgang 1964 wurden in Ost- und Westdeutschland zusammen etwas doppelt so viele Menschen geboren wie im bisherigen Niedrigstjahrgang 2009 – 1.357.304, um genau zu sein.”

Auch wenn er mit seinem Buch ziemlich an der Oberfläche eines Phänomens bleibt und ich in einem völlig anderen sozialen Umfeld aufgewachsen bin als er, hat er mich mit auf eine Reise in die Vergangenheit genommen.

Es regnete Absagen und Radioaktivität

1.357.304 Mal Jahrgang 1964, das erklärt, warum es für uns Babyboomer so schwer war, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. War man nicht herausragend gut, regnete es erst einmal Absagen. Die Arbeitgeber hatten die freie Auswahl. Sehr gute Abiturienten in Ausbildungsberufen, die maximal eine Mittlere Reife erfordert haben, waren keine Seltenheit. Gleiches galt für Studienplätze. Der Numerus Clausus wurde hoch und höher geschraubt, Praktika konnten nicht absolviert werden, weil es mehr Studierende gab als Praktikumsplätze und die Wohnungssuche war ein Drama. Nicht weil es – wie heute – so viele Single-Haushalte gab, sondern weil wir einfach zu viele waren. Und zu plötzlich da.

Geregnet hat es auch Radioaktivität und zwar die von Tschernobyl. Meine Großmutter war total verunsichert, ob sie denn den Salat jetzt noch essen soll oder nicht. Untergraben wäre ja keine clevere Lösung gewesen. Der Kompost auch nicht. Aber Sondermüll in die Mülltonne? Noch schlimmer traf es die Bauern, ganze Ernten sollten vernichtet werden, das Vieh nicht mehr raus auf die Weide. Ob was dran war? Das wissen nur die, die in ihrer Angst den halben Gemüsegarten ins Tübinger Radio-Isotopenlabor geschleppt haben, um ihn “geigerzählern” zu lassen. Wenige Jahre absolvierte ich in besagtem Labor meinen Radio-Isotopen-Kurs und der Leiter erzählte uns von verzweifelten Menschen, die nicht mehr wussten, was sie noch essen konnten und was nicht.

Verseucht oder nicht? Vor dieser Frage standen Gartenbesitzer und Bauern. (Symbol: public domain)
Tschernobyl hat wach gerüttelt

Angst war sowieso allgegenwärtig. Wir hatten Angst vor dem kalten Krieg. Er war mehr als einmal greifbar nah. Wir haben gegen Pershing demonstriert, was mir meinen ersten Besuch in Stuttgart beschert hat. Die Ölkrise sorgte für autofreie Sonntage, ein schöner Nebeneffekt eines eigentlich sehr heiklen Themas. Wegen der Wirtschaftskrise sollten wir uns keine großen Hoffnungen auf gute Jobs machen, und so weiter, und so weiter.

Hinterher war immer alles viel spannender

Kurz: Wir oder zumindest ich, haben früh gelernt, dass Sicherheit als solche doch sehr wankelmütig sein kann. Ein wertvolles Wissen, das vielleicht die Grundlage dafür geschaffen hat, warum ich mich in den rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft derzeit so wohl fühle. Das “Hinterher” war nämlich immer cooler als das “Vorher”.

Ein schönes Beispiel ist dafür die Digitalisierung. Als Teenager musste ich mit Freunden noch im Wohnzimmer telefonieren. Es gab nur ein Telefon im Haus und das war fest mit der Wand verbunden. Das heißt: Jeder aus der Familie konnte mithören! Jeder! Und egal wie verklausuliert wir das, was nicht für Elternohren bestimmt war, verpackt haben, heute bin ich mir sicher, sie haben es trotzdem verstanden. Ganz ungünstig übrigens, wenn man während Papas Lieblingssendung telefonieren wollte. Der einzige Fernseher stand nämlich ebenfalls im Wohnzimmer. Wie einfach haben wir es heute mit unseren mobilen Geräten?! Geheimnisse mit Freunden austauschen? Kein Problem.

So ein Teil hing bei uns an der Wand, weil meine Großeltern mit zu den Ersten gehörten, die ein Telefon hatten. (Foto: public domain)
So ein Teil hing bei uns an der Wand, weil meine Großeltern mit zu den Ersten gehörten, die ein Telefon hatten. (Foto: public domain)

Mein erster Computerkurs fing damit an, dass die Kursleiterin uns Lochkarten zeigte. Ok, die waren damals schon out, aber sie hatte noch damit gearbeitet. Dann habe ich mich über 5,25 Zoll zu 3,5 Zoll Disketten vorgearbeitet, habe im Gymnasium Basic programmiert und mich mit HTML, Flash und SQL in die Welt des Internets “katapultiert”. Ich habe gechattet, dann Chats und Foren moderiert, ein Online-Magazin mit aufgebaut und irgendwann dann hauptberuflich gebloggt und kommuniziert. Und ich habe gemerkt, dass die permanente Veränderung um mich herum genau das ist, was mich begeistert.

Sie finden es eh raus!

Im Gegensatz zu Bernhard von Becker bin ich nicht in der Stadt sondern auf dem Dorf aufgewachsen. Sich in anonymen Kinderhorden verstecken zu können, hat da nicht funktioniert. Jeder, wirklich jeder kannte mich. Erst recht, weil meine Großmutter einen Laden hatte, in dem auch meine Mutter arbeitete. Hatte ich einen Bock geschossen, wussten meine Mutter und meine Großmutter es meistens schon, ehe ich wieder daheim war. Bin ich mit dem Auto frühmorgens auf Glatteis in den Graben gerutscht, wusste es mein Vater schon am gleichen Abend, weil zwei Kumpels von ihm mich wieder rausgeschoben haben, die zwar mich gekannt haben, ich sie aber nicht. (In besagtem Fall war es übrigens so, dass ich erst Jahre später davon erfuhr. Mein Vater hat ebenso dicht gehalten, wie meine Schwester und ich. Ich glaube, er war selbst nach so langer Zeit noch enttäuscht, dass ich es ihm nicht selbst gesagt habe).

Ok, ich gebe zu, es war oft äußerst unangenehm auf gewisse Dinge angesprochen zu werden, kaum dass man die Haustür drin war. Gerade so in der Pubertät, Jungs und so. Wisster Bescheid?! ABER: Ich habe daraus gelernt, dass es wenig Sinn macht, Sachen unter den Tisch kehren zu wollen. Wenn ich Mist baue, stehe ich dazu. Egal ob privat oder im Job.

Wir sind eine coole Truppe – zumindest teilweise

Kurz und gut, die Babyboomer sind schon ne coole Truppe. Nicht alle, bei weitem nicht. Viele davon sind im Sicherheitsdenken verhaftet geblieben und suchen heute verzweifelt nach dem Anschluss an die digitale Welt. Aber sehr viele sind eben mit der digitalen Entwicklung mitgewachsen und sehen – ebenso wie ich – Veränderung als Chance, nicht als Bedrohung. Mir gefallen dabei besonders die vielen mutigen Frauen, die jenseits der 40 aus dem Trott ausbrechen, ihr Leben in die Hand nehmen und ihre Ideen leben. Klar, gab es die früher auch schon, aber dank aktivem Netzwerken sind sie heute sichtbarer.

Bei den Digital Media Women gibt es einige coole Babyboomer

Deshalb Danke an Bernhard von Becker, für sein Buch “Babyboomer”. Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen auf die Reise in die Vergangenheit zu gehen, auch wenn unsere Hintergründe und Erfahrungen dank unseres sozialen Umfeldes so gänzlich unterschiedlich waren. Und Danke an Suhrkamp, die mir das Buch zur Verfügung gestellt haben.

Bernhard von Becker

Bernhard von Becker, geboren 1963, arbeitet als Rechtsanwalt und Verlagslektor. Er hat zahlreich zu Fragen des Urheber- und Presserechts veröffentlicht, unter anderem ein Werk zu gerichtlichen Buchverboten. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in München.

Buchinfo: Babyboomer von Bernhard von Becker, erschienen bei Suhrkamp, März 2014, 148 Seiten, € 7,99, ISBN: 978-3-518-46508-0

Ohne uns – Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken

Mit “Ohne uns – Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken” bringt Ursula Kosser auf den Punkt, was derzeit in unserer Gesellschaft passiert. Nicht nur der “Nachwuchs” der Jahre 1980 bis 1995 verweigert sich zunehmend den Karriere-Idealen ihrer Vorgänger-Generation, auch immer mehr Mitglieder dieser Vorgänger-Generation selbst tun es. Sie drücken den “Opt-Out-Button” für mehr Lebensqualität und gegen einschlägige Karrierewege.

Generation Y, Millenial, Digital, Native, Einstellung, Arbeit, ZukunftUrsula Kosser, Jahrgang 1958, hat sich des Y-Problems angenommen. Als Mutter einer 18-jährigen Tochter und Chefin vom Dienst bei RLT und n-tv in München ist sie prädestiniert, diese Generation ins Visier zu nehmen. Schließlich hat sie nicht nur ein Exemplar dieser Spezies – okay, theoretisch schon Generation Z, aber da verändert sich meiner Meinung nach nicht mehr so viel – groß gezogen, sondern sie arbeitet auch tagtäglich mit ihnen.

Dabei fällt es ihr nicht immer leicht, zu akzeptieren, dass Werte wie Emanzipation und Karriere, für die sie selbst noch auf die Straße gegangen ist, in der Generation der nach 1980 Geborenen keine große Rolle mehr spielen. Einfach weil sie für die Generationen nach uns (ich bin 1963 geboren) selbstverständlich sind. Ich weiß, es gibt auch Ausnahmen, aber gab es die nicht immer? Während wir gegen Pershing demonstriert haben, saßen andere unserer Generation gemütlich daheim in der Küche und haben Kartoffeln geschält. Warum sollte das heute anders sein.

Andere Werte sind anders, nicht besser oder schlechter

Fakt ist, wir werden mit einer Generation konfrontiert, die völlig andere Werte hat als wir und diese sind nicht besser oder schlechter als “unsere”, sie sind einfach nur anders. Wer daheim erlebt hat, dass dem Karrierestreben eines Elternteiles alles andere untergeordnet wurde, dass die Familie nicht selten daran zerbrochen ist, für den ist dieses Karrieremodell nicht erstrebenswert. Warum auch? Weshalb sollte man sich freiwillig in ein System begeben, in dem Burnout und Herzinfarkt mit 45 als Statussymbole gesehen werden? Und damit stehen sie inzwischen nicht mehr alleine da. Immer mehr Menschen verweigern sich diesen veralteten Strukturen, gehen auf der Karriereleiter freiwillig eine Stufe zurück, wenn sie merken, dass die Arbeit sie sonst auffrisst. Oder sie nehmen sich gezielt eine Auszeit, um sich in Ruhe Gedanken darüber zu machen, wo sie eigentlich hin wollen.

Stefan Keuchel drückt den „Opt-Out“-Button

Prominentes Beispiel hierfür ist aktuell Stefan Keuchel. Für mich und viele andere DAS Gesicht von Google. Seit genau 10 Jahren arbeitet er bei dem Suchmaschinen-Giganten, hat die schnelle Entwicklung mitgemacht und sehr persönlich kommentiert. Stefan Keuchel war ein Pressesprecher zum Anfassen und hat mit Sicherheit eine Karriere hingelegt, um die ihn so manch einer beneidet. Und was tut diese Social PR Ikone? Er nimmt eine Auszeit, oder wie man es heute nennt: ein Sabbatical. “um auch mal mit mehr Abstand die Dinge zu betrachten”. Dabei schließt er weder aus, dass er zu Google zurückkehren wird, noch dass seine Wege ihn anschließend in ganz andere Richtungen führen.

Stefan Keuchel ist nur ein Beispiel für Menschen, die sich “im gesetzten Alter” neu orientieren. Zu diesem Schluss kommt auch Ursula Kösser. Längst sind es nicht mehr nur die “Jungen”, die sich dem Leistungsdenken verweigern. In ihrem Umfeld tummeln sich zunehmend “Opt-Out“ Menschen, die ihr Leben zu einem Zeitpunkt hinterfragen, an dem es noch vor wenigen Jahren zu spät für einen Richtungswechsel war. Eine Tatsache, die es ihr leichter macht, die Beweggründe der Millenials zu verstehen, die positiven Ansätze darin zu sehen und letztendlich das eigene Leben zu hinterfragen..

Über die ominöse Generation Y habe ich schon vieles geschrieben, noch viel mehr gelesen und ich kann nur jedem, der mit Unternehmensentwicklung zu tun hat, empfehlen, das ebenfalls zu tun. Denn wir werden um die Einflüsse, die diese Generation auf unser gesamtes gesellschaftliches Leben nehmen wird, nicht herum kommen. Dabei möchte ich Generation Y nicht ausschließlich auf die sogenannte Alterskohorte beziehen, sondern auf alle, die schon heute so ticken, wie die “Klischee-Ys”.

Pflichtlektüre für Babyboomer und Co.

“Ohne uns – Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken” von Ursula Kosser sollte zur Pflichtlektüre für Babyboomer und Co. werden, die immer noch nicht verstanden haben, dass mehr und mehr Menschen auf dem Vormarsch sind, die nicht NICHTS tun wollen, sondern die ES anders tun wollen, als MAN es schon immer gemacht hat. Nämlich so, dass es jedem Einzelnen gut damit geht.

Ich habe ich mich an sehr vielen Stellen des Buches wiedergefunden, denn bei lief das Verstehen ganz ähnlich ab. Das Verstehen, dass die Generation „Opt-Out“ sehr wohl Leistung erbringen will, aber eben anders als das in den vergangenen 50 oder 60 Jahren definiert war. Und das ist gut so, denn unsere Welt ändert sich so schnell wie vielleicht noch nie und macht damit neue Ansätze und Reaktionen erforderlich.

Ein klasse Buch! Sowohl inhaltlich als auch vom Schreibstil!

“Ohne uns” kannst du bei mir gewinnen!

Im Rahmen der Aktion “Blogger schenken Lesefreude” verlose ich ein niegelnagelneues Exemplar von “Ohne uns- Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken”. Mehr dazu erfährst du hier.

Danke an den DuMont Verlag, der mir ein Expemplar zur Verlosung überlassen hat. Diese Tatsache hat nichts mit der guten Rezension zu tun. Ich bin schlichtweg begeistert von “Ohne uns”

Ursula Kosser

Ursula Kosser, 1958 in Bonn geboren, studierte Geschichte und evangelische Theologie. Sie arbeitete über zwanzig Jahre als Journalistin in Bonn. Neun Jahre lang war sie im Bonner Büro des Spiegel als politische Redakteurin tätig. Seit zehn Jahren ist sie Chefin vom Dienst bei RTL und n-tv in München, wo sie mit ihrem Mann und ihrer 18-jährigen Tochter lebt. 2011 erschien ihr Buch ›Stell auf den Tisch die letzten Rosen‹, 2012 ›Hammelsprünge. Sex und Macht in der deutschen Politik‹ (DuMont).

Buchinfo: Ohne uns von Ursula Kosser, erschienen beim DUMONT Verlag, März 2014, 190 Seiten, Hardcover, € 19,99, ISBN 978-3-8321-9740-7

Mehr zum Thema Generation Y gibt es hier:

Digitale Revolution und Change Management

Unsere Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Alles wird offener, schneller, beweglicher. Damit Mitarbeiter in dieser Situation, die schnelle Reaktionen erfordert, nicht das Vertrauen in ihr Unternehmen verlieren, müssen die Veränderungsprozesse sorgfältig und mit viel Fingerspitzengefühl geplant werden. Wie das geht, weiß Ingo Sauer, Senior Consultant bei 7P.

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Spannende Session von Ingo Sauer beim SaarCamp 2013

Es gibt Themen im Social Media Umfeld, die mir besonders am Herzen liegen. Die nachhaltigen Veränderungen durch die zunehmende Digitalisierung und Transparenz unserer Arbeitswelt sowie der Weg dahin gehören eindeutig dazu. Während sich alle um die Generation Y balgen und Pläne schmieden, wie ihnen diese ins unternehmerische Netz gehen könnte, wird meiner Meinung nach viel zu wenig Wert auf die adäquate Vorbereitung des vorhandenen Personals gelegt. Kein Wunder, sind die erforderlichen Change Management Ansätze doch langwierig, sensibel und damit kostenintensiv.

Ingo Sauer, Senior Consultant bei der 7P Solutions und Consulting AG, hatte deshalb mit seiner Session „Changemanagement – Was ist das überhaupt und wie passt da Social Media rein“ beim SaarCamp 2013 in Saarbrücken meine voll Aufmerksamkeit.

Wie erzähle ich es meinen Mitarbeiter_innen?

Gravierende Veränderungen in Unternehmen zu etablieren, ist nie sehr populär. Zu schnell ist die Angst der Mitarbeiter geweckt, dass man mit dem Neuen nicht klar kommt oder womöglich sogar wegrationalisiert werden könnte. Die voranschreitende Digitalisierung und Öffnung unserer Arbeitswelt ist so eine schwerwiegende Änderung. Wird sie gut vorbereitet und frühzeitig offen und ehrlich kommuniziert, ist sie aber zu schaffen.

Ingo Sauer von 7P kennt das Rezept, wie internes Change Management funktioniert. Für einen früheren Auftraggeber hat er eine neue Software zum Thema Wissensmanagement und Support eingeführt.

Das Problem dabei: zahlreiche Altlasten in 15 verteilten, eigenständigen Teams.

Die wichtigste Erkenntnis daraus: Man muss den Menschen genug Zeit geben, sich mit den Veränderungen im Vorfeld vertraut zu machen und man muss sie in die Entwicklung einbeziehen.

Es wird sich etwas ändern, aber das entwickeln wir mit euch zusammen

Damit das klappt, startete das Projekt mit einer Roadshow. Die Verantwortlichen reisten von Niederlassung zu Niederlassung und informierten, DASS eine Veränderung anstünde, dass aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht klar sei, wie diese konkret aussehen würde. Denn zum Erarbeiten der Details brauche man die Beteiligung der Mitarbeiter, die ja schließlich über das notwendige Fachwissen verfügen würden. Hierbei wurde auf Freiwilligkeit gesetzt. Wer sich einbringen wollte, konnte später als Mentor für die Kolleg_innen fungieren.

Bis zum nächsten Termin mit den Projektverantwortlichen bekamen die Mitarbeiter die Aufgabe, zusammenzutragen, welche Aufgaben in den jeweiligen Abteilungen anfallen. Man setzte also gezielt auf die Kompetenzen der Mitarbeiter und integrierte sie in den Prozess. Gemeinsam wurden die Aufgaben dann in Themenbereiche sortiert und nach Lösungsansätzen für die effiziente Bearbeitung gesucht.

Die technische Umsetzung

Nachdem dieser Schritt abgeschlossen war, ging es um die technische Umsetzung. Auch hier konnte das Personal Ideen einbringen und die Usability testen, ohne dass sie diese Tätigkeiten „nebenbei“, also neben ihrer regulären Arbeit, durchführen mussten. Natürlich war die Beteiligung an diesem Entwicklungsschritt ebenfalls freiwillig.

Bei der eigentlichen Einführung hatte man somit eine ausreichende Zahl gut informierter „Trainer“, die zudem eine höhere Akzeptanz bei den Kollegen genossen als Externe. Schließlich haben sie ein Produkt „vermarktet“, das über weite Strecken vom Personal mitentwickelt und beeinflusst worden war.

Das Produkt wird zwar später, dafür aber mit höherer Akzeptanz eingeführt

Durch die sorgfältige Planung und die enge Einbeziehung der Belegschaft hat sich zwar die Zeit, zu der das Produkt an den Markt geht, deutlich verlängert, dafür war aber die Akzeptanz auch deutlich höher. Der Zeitverlust wurde also durch eine frühere produktive Phase wieder wett gemacht.

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Wer Social Media einfach nur als neue Abteilung etablieren will, hat Social Media nicht verstanden. (Bild: Ingo Sauer)

Wirksames Change Management funktioniert aber nur mit dem hunderprozentigen Support des Top-Managements. Ist man hier nicht bereit, neue Wege zuzulassen, bedeuten alle Prozesse vergeudete Ressourcen. Ein zunehmendes Problem wird hier in der Zukunft vermutlich das mittlere Management darstellen, das sich um seine „Karriere“ im gewohnten Sinn gebracht sieht. Denn die Führung der Zukunft versteht sich eher als Moderation denn als Kontrolle und Anweisung.

In meinen Augen ist das der richtige Weg, den Wandel in Unternehmen möglichst reibungsarm umzusetzen. Steht hier nicht der Mensch, der die Veränderungen mittragen muss, im Vordergrund, wird unnötiges Potential vergeudet. Bei der Geschwindigkeit, mit der die Prozesse derzeit voranschreiten, kann sich das kein Unternehmen leisten.

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